Bildung als Ware in der Freihandelszone

3. Oktober 2002, 11:16
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In Deutschland laufen hitzige Diskussionen, ob Bildung kommerzielle Dienstleistung sein darf

Das Kürzel, das vor allem in Europa Bildungsexperten aufschreckt, heißt GATS. Damit verbunden ist die Angst, dass große globale Bildungsanbieter - vor allem aus den USA - europäischen Institutionen Konkurrenz machen. Und damit Bildung zur teuer zu erkaufenden Ware wird.

Im GATS-Abkommen ("General Agreement on Trade in Services) der Welthandelsorganisation (WTO) wird die Vorstellung formuliert, dass ab dem Jahr 2005 zwischen den Staaten weitgehende Liberalisierung bei Dienstleistungen vieler Art gelten soll. Dazu gehören auch solche Leistungen, die die Bildung betreffen - in der Schule, an der Universität und in der Weiterbildung.

Bis Juni dieses Jahres mussten die WTO-Staaten ihre Wünsche deponieren, welche Dienstleistungsmärkte sie geöffnet sehen wollen, erwartungsgemäß haben die USA freien Zugang zum Bildungsmarkt gefordert. Bis Ende März 2003 sollen die Staaten im Gegenzug darstellen, wo sie im eigenen Land Chancen zur Liberalisierung ausmachen.

In Europa sehen viele dieser Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen. "Wenn man die akademische Welt zum WTO-beherrschten Marktplatz macht", prophezeit in der Süddeutschen Zeitung etwa Philip Altbach, Lehrer am Center for International Higher Education am Boston College, "wird eine der wertvollsten Institutionen einer jeden Gesellschaft zerstört werden."

"Die Universitäten werden sich weitgehend kommerzialisieren", warnt René Schuijlenburg, Sprecher der Protestbewegung "Education is not for Sale". Dieses europaweite Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen hat sich den Widerstand gegen "neoliberale Bildungspolitik" vorgenommen. "Hochschulen werden nur mehr Fachkräfte für den Bedarf der Industrie produzieren", fürchtet Schuijlenburg, "und die Forschung wird sich nicht mehr an den Interessen der Gesellschaft, sondern an denen der Großen orientieren."

Ralph Schallmeiner von der Österreichischen Hochschülerschaft zeichnet dazu die passende Horrorvision: "Tabakfirmen werden Medizinuniversitäten betreiben, oder MacDonald's für seine Ausbildung den akademischen Grad verleihen."

Die Salzburger Hochschülerschaft startet nun eine Kampagne gegen GATS. Und wird als Einzige in Österreich sichtbar aktiv gegen Globalisierungstendenzen am Wissensmarkt.

Im Bildungsressort von Noch-Ministerin Elisabeth Gehrer (VP) sieht man für Österreich keine Probleme durch das Abkommen dräuen: "Wir haben bereits ein freies Zulassungssystem", erklärt Oliver Henhapel, Mitarbeiter im Büro Gehrer. Wer will, könne eine Universität oder eine Schule privat gründen - man müsse nur durch den Akkreditierungsrat. Wer die Kriterien erfülle, könne anbieten. Aber "die sollen es erst einmal mit unseren Leuten aufnehmen", vertraut Henhapel auf heimische Qualität im Vergleich zu auswärtigen Anbietern.

Rudolf Ardelt, Rektor der Linzer Johannes-Kepler-Universität, glaubt, dass künftige Privatanbieter mithilfe von GATS auch finanzielle staatliche Förderungen einfordern werden: "Unter Berufung auf Gleichheit der Wettbewerbsbedingungen." Da könnten dann die Finanzmittel für bestehende Universitäten noch knapper werden.

Kultur erhalten

Sonst sieht der Rektor sein Haus "in ertragbringenden Bereichen wie Mathematik oder Informatik" durchaus in der Lage, am Bildungsmarkt mitzuhalten. Es läge bereits in der Strategie der Universität, diese Bereiche auszubauen. Nur die Geisteswissenschaften könnten unter Druck kommen.

Als Historiker kennt Ardelt die Diskussion um wirtschaftlich besser oder weniger verwertbare Studien und "Orchideenfächer". Er versucht die Wirtschaftsdenker in der Bildungspolitik mit den eigenen Argumenten zu schlagen: "Der kulturelle Bereich ist ein Faktor für die Qualität eines Wirtschaftsstandorts." Also möge man ihn erhalten, auch an den Universitäten. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2002)

In Deutschland laufen hitzige Diskussionen, ob Bildung kommerzielle Dienstleistung sein darf. Schon jetzt konkurrieren immer mehr private mit staatlichen Ausbildungsstätten. Die Welthandelsorganisation will zudem alle Handelshemmnisse beseitigen. In Österreich sieht man sich dagegen schon gewappnet.
Link

www.oeh.ac.at

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