Kein Kühlschrank mehr für Mediziner

2. Oktober 2002, 19:07
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Drei neue Studienpläne in Kraft

Eines beruhigt ungemein: Die Bücherbörse für die anderswo sündteure Fachliteratur und den Schädelverleih für das knochentrockene Heimstudium wird es in alter Form weiter geben. Ansonsten bleibt nach den Reformen der Medizinstudien in Wien, Graz und Innsbruck kaum ein Stein auf dem anderen. Seit Dienstag dieser Woche lernen erstsemestrige Medizinstudenten an den drei heimischen Fakultäten, die bald eigenständige Universitäten werden, nach neuen Curricula. Die in ihren Grundzügen seit knapp 100 Jahren existierende alte Studienordnung wird für alle, die noch nach ihr studieren, weitere 17 Semester parallel dazu gelten. Dann ist aber Schluss.

Die drei neuen Studienpläne unterscheiden sich zwar, gemeinsam ist ihnen aber, dass die medizinische Ausbildung praxisbetonter gestaltet, ein früherer Kontakt zu Patienten hergestellt wird - nach internationalem Vorbild.

Gelehrt wird in Kleingruppen nach fächerübergreifenden Blocksystemen. Die bisherige, rein sequenzielle Fächervermittlung soll der Geschichte der Medizin angehören. Soll heißen: Medizinstudenten müssen nicht mehr ein ganzes Semester lang Physikvorlesungen ertragen, um beim abschließenden Physikrigorosum die medizinisch eher mäßig relevante Funktionsweise eines Kühlschranks erklären zu können. Statt bisher mehr als 20 Fachprüfungen gibt es nur noch eine Hand voll große Überblicksprüfungen, daneben wird die permanente Mitarbeit beurteilt - DER STANDARD berichtete ausführlich.

Was sonst noch neu ist? In Wien benötigen alle Medizinstudenten einen Internetzugang und einen Unet-Account, um sich überhaupt für Lehrveranstaltungen und Prüfungen anzumelden. Ab dem zweiten Studienabschnitt, also ab dem dritten Semester, gibt es in Graz und Innsbruck Platzbeschränkungen für Praktika und Seminare: Die Steiermark nimmt nur 264, Tirol 275 Studierende. Die Wiener haben keine - offizielle - Beschränkung.

Und noch etwas ist neu: Knapp 2500 Jahre nachdem der griechische Arzt Hippokrates mit seinen Studien und Lehren den Grundstein zur heutigen rational-empirischen, also wissenschaftlichen Medizin gelegt hat, implementiert das neue Medizincurriculum nun erstmals auch das fundamentale Wissen, dass es neben Männern auch Frauen gibt: "Erkenntnissen, dass Krankheiten und Störungen nur Frauen, hauptsächlich Frauen, oder Frauen anders als Männer betreffen können, folgend, wird der interdisziplinäre Schwerpunkt Geschlechterforschung in den Studienplan des Diplomstudiums Humanmedizin aufgenommen", klärt die Wiener medizinische Fakultät ihre Anfänger auf. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2002)

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