"Einen Rutsch nach links, bitte"

2. Oktober 2002, 17:37
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Und nach der Neuwahl? Frischer Wind an den Unis? SchülerStandard-Mitarbeiter haben die Studenten selbst gefragt

"Diese Wahl wird sehr spannend werden. Denn sie wird zeigen, ob die österreichische Bevölkerung in der Lage ist, aus Tatsachen zu lernen. Soll eine Partei, die sich so benommen hat wie die FPÖ, tatsächlich regierungsfähig sein?", meint der angehende Geschichte-Student Sebastian Howorka auf die Frage des SCHÜLERSTANDARD, welchen Ausgang er sich von der Wahl erwartet. Was sich an Österreichs Unis ändern sollte, ist nicht nur für ihn klare Sache: Abschaffung der Studiengebühren, bessere Organisation und: endlich Klopapier.

Doch was wird wirklich passieren nach der Wahl, sollte Rot-Grün ans Ruder kommen? "Sie werden die Studiengebühren zurücknehmen, die Abfangjäger nicht kaufen und neue Schulden machen", spekuliert Michael (25), der seit vier Jahren Technische Chemie studiert. Birgit ist da anderer Meinung: "Gusenbauer hat schon oft Versprechen gemacht, die sich dann doch als zu teuer herausgestellt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob die Studiengebühren wirklich verschwinden werden." Auch Stefanie, die Theaterwissenschaften studiert, traut dem Versprechen, die Gebühren abzuschaffen, nicht. "Ich glaube nicht daran, dass sie abgeschafft werden."

Optimistischer ist da der Philosophielehramt-Student Martin Gahler. "Meiner Ansicht nach ist Gusenbauer zu einer Realisierung seiner Wahlversprechen schon deshalb verpflichtet, da er sich sonst nicht nur Kritik aus der Opposition, sondern auch aus den eigenen Reihen einhandelt. Er würde eine deutliche Niederlage bei den nächsten Nationalratswahlen riskieren." Die 27-jährige Medizin-Studentin Sara sieht das ähnlich. "Gusenbauer muss sein Versprechen fast halten. Er wird die Gelder vielleicht abschaffen, um sie irgendwann wieder einzuführen." Und bis auf wenige, die wie Michael, wie er sagt, mit dem derzeitigen System glücklich sind und keine Probleme damit haben, leiden viele Studenten unter der Doppelbelastung, neben dem Studium arbeiten zu müssen. "Die Studiengebühren sind lächerlich. Man kann schwer arbeiten und nebenbei so erfolgreich studieren wie notwendig", meint Leila (23).

Finanzielle Belastung

Die Ergebnisse der SCHÜLERSTANDARD-Umfrage decken sich mit der im Frühling durchgeführten Studie des Instituts für Psychologie an der Uni Graz. Von 2200 befragten Studenten gab jeder zweite an, dass die finanzielle Belastung durch die Studiengebühren gestiegen ist. 53 müssen für die Gelder selbst aufkommen. 65 Prozent haben Probleme, Studium und Job zu vereinbaren, und 15 Prozent empfinden diese Kombination als "sehr belastend". Fazit: "Man wird sich wegen der Geldfrage immer mehr überlegen, ob man wirklich studieren will oder nicht", meint die Jus-Studentin Mira.

"Ist Rot-Grün wirklich das Gelbe vom Ei?", fragt sich dagegen Kati, die auf der Angewandten studiert. Auch dem Jus-Studenten Florian gefällt die Links-rechts-Polarisierung nicht: "Wie wär's mit Schwarz-Grün?"

Nur eins ist klar: Die Nächsten sollen es besser machen. Was noch auf dem Wunschzettel für die neue Regierung steht? Bei Martin eine Verbesserung bei der Betreuung, unkomplizierte Anmeldeverfahren, weniger voll gestopfte Hörsäle und: deutliches Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit. Auch die Publizistik-Studentin Natascha weiß, was sie will: "Einen schönen Rutsch nach links, also mehr Humanität und soziales Denken." (Bettina Reicher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2002)

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