Bürokratie-Schikanen an den Unis

2. Oktober 2002, 19:57
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Die Anerkennung von Prüfungen ist ins Gerede gekommen - Doch angesichts der Arbeitsbedingungen kann der Schwarze Peter nicht eindeutig vergeben werden

Österreichische Studenten, die das eine oder andere Semester im Ausland oder an Fremdinstituten im Inland verbringen, werden reichlich belohnt: mit Erfahrungen, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen - und mit jeder Menge Bürokratie. Vor allem die Anerkennung von Prüfungen sorgt dabei für Rennereien und Nervenkitzel: Schließlich muss für Familien- und Studienbeihilfe ein Studienerfolg erbracht werden; und wenn bei Auslandsstudien nicht mindestens sechs Semesterwochenstunden nachgewiesen werden, ist das Stipendium zurückzuzahlen.

Das komme jedoch ausgesprochen selten vor, so das Auslandsbüro der Uni Wien. Schließlich muss jeder Studierende, der ins Ausland geht, mit dem Vorsitzenden der jeweiligen Studienkommission (Stuko) vorher vereinbaren, welche Veranstaltungen er besucht - und dieser Vorausbescheid ist auch rechtlich bindend. Eigentlich. Dennoch kann es gerade nach dem Auslandssemester zu unliebsamen Überraschungen kommen, berichtet der Studierendenanwalt Josef Leidenfrost - beispielsweise wenn in der Zwischenzeit ein neuer Stuko-Vorsitzender bestimmt wird. Und der kein wirkliches Einsehen hat mit dem grenzenlosen Bildungshunger der Studenten. Leidenfrost weiß hier von einem Fall, der erst durch ein Machtwort des Vizerektors zugunsten der Studentin abgeschlossen wurde.

Spielräume . . .

Häufig ergeben sich Probleme, wenn die vorher vereinbarten Veranstaltungen dann im Ausland leider doch nicht angeboten werden. Denn hier (wie auch bei der Anrechnung von Prüfungen, die auf anderen Unis oder Instituten abgelegt wurden) gibt es schon einen Ermessensspielraum der Stuko-Vorsitzenden. Eine aktuelle Studie des Erziehungswissenschafters Friedrich Seyr - DER STANDARD berichtete - stellt den Stuko-Vorsitzenden der Wirtschaftsstudien, der Soziologie und Pädagogik diesbezüglich ein niederschmetterndes Zeugnis aus: Anhand von Musterfällen wurden sie nach den Grundlagen der Beurteilung befragt. "Zutage kam erstaunliches Unwissen und fehlendes Unrechtsbewusstsein", berichtet Seyr. 26 Prozent der Befragten gaben an, dass der "Ruf" eines Kollegen bei ihrer Entscheidung eine Rolle spielte; 35 Prozent richteten sich danach, an welcher Uni die Prüfung abgelegt wurde. Laut Gesetz sollen jedoch nur die Inhalte, die Form der Prüfung (Seminar, Vorlesung, Übung/Proseminar) und der Arbeitsaufwand einfließen.

. . . und Instanzenwege

Auch die ÖH kennt Fälle von Willkür - doch wenn es nicht um Studienbeihilfe oder Auslandsstipendium ginge, würden die meisten Studierenden gleich aufgeben, so Andrea Brunner von der ÖH Wien. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, sich zu wehren. Die erste Berufungsinstanz ist hier die Studienkommission (der Stuko-Vorsitzende hat dann kein Stimmrecht) - diesen Weg wählen von etwa 6000 Antragstellern an der WU Wien jährlich etwa 60 Studenten. Studierendenanwalt und ÖH beraten über weitere Schritte bis hin zur Klage beim Verwaltungsgerichtshof.

An der Ethnologie, Kultur-und Sozialanthropologie (Völkerkunde) in Wien wehrt man sich jedenfalls gegen den Vorwurf der Willkür: Keineswegs würde willkürlich geurteilt, man suche immer nach der besten Lösung für Studierende, betont der Stuko-Vorsitzende Manfred Kremser. Er beschreibt auch die Arbeitsbedingungen: Jeder Stuko-Vorsitzende müsse dabei die verschiedensten Studienpläne und Fächer-Kombinations-möglichkeiten berücksichtigen - dabei seien wöchentlich mehrere Hundert Anträge zu beurteilen.

Aber damit nicht genug. Für 144 Studienrichtungen tritt heuer ein neuer Studienplan in Kraft. Die Ethnologie hat intensive Vorarbeit geleistet; eine übersichtliche Broschüre lässt keine Fragen offen. Auch andere Studienrichtungen haben Verordnungen für die Anrechnungen erlassen.

Doch der Teufel liegt im Detail. So berichteten Studierende dem STANDARD von Problemen mit dem "Forschungspraktikum Methoden" auf der Psychologie in Wien. Eine Studentin erfüllt zwar die Voraussetzungen, die für dieses Praktikum im alten Studienplan vorgesehen waren (zwei Statistikübungen und zwei Übungen zur allgemeinen Psychologie). Doch nach dem neuen Studienplan bekommt einen Praktikums-platz nur, wer zwei Statistik-Übungen und die beiden gefürchteten Statistik-Vorlesungen nachweisen kann. Das Institut sicherte den Studenten Kulanz zu, doch müssten die fehlenden Prüfungen im Laufe des Semesters nachgereicht werden. Dieses Problem wurde auf Nachfrage des STANDARD gelöst: Für die nächsten zwei Semester werden auch die alten Voraussetzungen anerkannt, die Prüfungen müssen nicht jetzt nachgemacht werden (erspart bleiben sie aber ohnehin keinem). Mit weiteren Problemen rechnet Stuko-Vorsitzende Brigitte Rollet: "Man kann da gar nicht an alles denken."

Der Faktor Mensch spielt mit

Doch ab 2004 ist laut Universitätsorganisationsgesetz ohnehin alles anders: Statt den Stuko-Vorsitzenden ist dann für Prüfungsfragen pro Uni ein "Organ" zuständig, das in der Nähe der Uni-Leitung angesiedelt werden soll. Dieses "Organ" müsse aber die Fragen nicht im Alleingang klären, sondern könne Berater von den Instituten hinzuziehen, verspricht Friedrich Faulhammer, Leiter der Studienrechtsabteilung im Bildungsministerium. An der WU Wien hat man mit einem ähnlichen System gute Erfahrungen gemacht: Die Serviceeinrichtung der Stukos nimmt die Anträge entgegen, prüft Formales, holt Fachgutachten ein und legt die Akten den Stuko-Vorsitzenden vor.

Inwieweit eine zentrale Stelle für die Uni Wien sinnvoll sei, darauf wollte man sich in der dortigen Rechtsabteilung nicht festlegen. Manfred Kremser von der Ethnologie ist jedenfalls überzeugt, dass die Beurteilung nur am Institut selbst geleistet werden kann: "Wenn ich mir vorstelle, über die Anträge der Geografen zu entscheiden - nein, undenkbar."

Mehr Transparenz in Bezug auf Auslandsstudien soll in Zukunft das European Credit Transfer System (ECTS) bieten: ECTS beruht auf ausführlichen Studien-Informationen und auf einem Punktesystem, das vom Arbeitsaufwand der Studierenden ausgeht: Ein Credit entspricht 25 Stunden Arbeit; ein Vollzeitstudent sollte demnach pro Jahr 60 Credits erbringen. In den neuen Studienplänen sind die Credits bereits aufgeschlüsselt. Und in späteren Studienplänen (ab 2004) wird ECTS die Semesterwochenstunden ersetzen. Die TU Graz gilt als ein Vorreiter in Sachen ECTS - und hier funktioniert die Anrechnung von Veranstaltungen auch recht gut. Meistens, so der dortige ECTS-Koordinator Holger Neuwirth: "Bei zwölf Studienkommissions-Vorsitzenden spielt auch der menschliche Faktor mit." Österreichweit hat sich ECTS aber noch nicht durchgesetzt: 39 Prozent der von Friedrich Seyr befragten Stuko-Vorsitzenden bezeichneten das System schlicht als irrelevant.

(Heidi Weinhäupl/Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2002)

  • Anerkennung von Prüfungen sorgt bei den Studierenden für Rennereien und Sich-Grün-Ärgern
    montage: derstandard.at

    Anerkennung von Prüfungen sorgt bei den Studierenden für Rennereien und Sich-Grün-Ärgern

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