"Es ist Zeit, nach Russland zu kommen"

2. Oktober 2002, 17:31
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Michail Gorbatschow, letzter Sowjet-Chef, fordert in Wien heimische Investoren eindringlich auf, wieder in Russland zu investieren

Wien - Sein meistzitierter Satz ist: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Den hat er laut eigenen Memoiren im Oktober 1989 in einem Vieraugengespräch an DDR-Chef Erich Honecker gerichtet. Einen objektiven Beleg für die berühmten Worte gibt es nicht. Trotzdem: Michail Sergejewitsch Gorbatschow, letzter Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken von 1985 bis 1991, Erfinder von "Glasnost" (Offenheit) und "Perestrojka" (Umbau), hat sein Image als charismatischer Reformer, Macher und Mahner vor allem im Westen erhalten.

Um gutes Geld geladen

Hierher wird er gerne um gutes Geld eingeladen, wie am Mittwoch zu einem Kongress der Bank-Austria Tochter Capital Invest in Wien. Wo er in den vollen Zeremoniensaal der Hofburg rief: "Jetzt ist die Zeit da, um nach Russland zu kommen." Nicht nur in die Rohstoffgewinnung solle westliches Geld fließen. Vielmehr die verarbeitende Industrie, Maschinenbau sowie der agroindustrielle Komplex bräuchten dringend Kapital aus dem Westen - ebenso wie jene Milliarden Rubel, die steuerflüchtig von "Biznismeni" auf ausländischen Konten gebunkert werden.

"Brauchen Direktinvestitionen"

Aber: "Russland ist nicht nur ein Absatzmarkt, auf den man Produkte schickt, die sich im Westen nicht verkaufen lassen. Wir brauchen Joint Ventures und Kooperationen." Die Gastgeber von der Capital Invest hörten es zwar nicht gerne, da sie jetzt neue Anleihen- und Aktienfonds mit russischen Papieren verkaufen wollen, aber Gorbatschow gab sich überzeugt: "Wir brauchen vor allem Direktinvestitionen, und dabei kann man Gewinne erzielen", vor allem in den Regionen.

Als Zukunftsmarkt skizzierte er weiters den Tourismus im riesigen Land und indirekt auch die Umwelttechnik: "65 Prozent des Landes sind intakte Ökosysteme."

Gorbi gekränkt

Seine russische Seele wird offensichtlich schwer gekränkt, wenn in der westlichen Wahrnehmung nur die nach wie vor wuchernde Korruption und Vetternwirtschaft - "ich will da nichts beschönigen" - wieder gegeben wird: "Es nützt nur den Oligarchen, wenn westliche Investoren nicht in unser Land kommen."

Einem österreichischen Journalisten, der bei der Podiumsdiskussion am Mittwoch nach Gorbatschows Meinung das Bild von der Rechtssicherheit in Russland zu schwarz malte, antwortete er - ganz in altem Stil: "Sie sprechen von gestern. Es ist offenbar so, dass große Oligarchen Artikel im Westen finanzieren." Jedenfalls sei "das Glas halb voll, nicht halb leer". Es gebe, seit Wladimir Putin vor fast drei Jahren seinen Erzfeind Boris Jelzin abgelöst habe, "eine Tendenz vom Chaos zu Stabilität und Rechtssicherheit, der Prozess ist aber bei weitem noch nicht abgeschlossen."

An Geschäftsleute und Politiker im Westen appellierte der heutige Vorsitzende der Gorbatschow-Stiftung für sozialwissenschaftliche und politologische Forschung, von Russland nicht zu erwarten, "so schnell zu fahren, dass die Speichen des Rades brechen. Sie müssen noch Geduld haben, liebe Freunde." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 3.10.2002)

Von Leo Szemeliker
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    Eine der politischen Ikonen des 20. Jahrhunderts, der letzte Sowjet-Chef und Friedensnobelpreis-Träger Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als Vortragender in Wien.

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