Missstände bei jugendlichen Bankomatbenutzern

2. Oktober 2002, 15:11
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Kinder- und Jugendanwaltschaft ortet Beratungs-Skandal in den Kreditinstituten

Wien - Gerhard S. war Schüler der HTL, als er seine erste Bankomatkarte zu brauchen glaubte. Die damit angehäuften Schulden stotterten zunächst seine Eltern ab, noch heute sitzt der mittlerweile 24-Jährige aber auf einem Schuldenberg, der seine Wurzeln in exzessiven Kontoplünderungen und Überziehungen zur Schulzeit hat. Kein Einzelfall, wie Schuldnerberater klagen. Denn für die meisten heute verschuldeten Erwachsenen begann das Drama mit frühen Schulden am Konto. Die Wiener Jugendanwaltschaft sprach am Mittwoch von einem "Chaos" bei Jugendkonten der Banken. Hauptvorwurf: Viele Bankmitarbeiter wissen offenbar selber nicht Bescheid.

Immer wieder meldeten sich in der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien Jugendliche oder besorgte Eltern und berichteten, dass in den Bankfilialen "falsche oder unzureichende" Beratung zu Jugendkonten (Zinsen, Überziehungen, Bankomatkarte) gegeben, Überziehungen bei Jugendkonten toleriert oder sogar unter 14-Jährige zur Unterschriftsleistungen zu einer Kontoeröffnung angehalten würden. Eher peinliche Ergebnisse über den Informationsstand in Banken selber brachte laut Jugendanwaltschaft eine jüngste Erhebung mittels "Mystery Shopping".

Bankinstitute untersucht

Dazu wurden 7 Bankinstitute (P.S.K., BA-CA, BAWAG, Raiffeisen, Erste Bank, Hypo NÖ, Volksbank) mit 15 Filialen "verdeckt" von einem Jugendlichen (in Begleitung der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien) besucht. Der Jugendliche stellte sich (wahrheitsgemäß) mit folgenden Angaben in den Filialen vor: 16 Jahre, männlich, kein Einkommen, Schüler, Einnahmequellen: Nachhilfe und Ferialpraxis. Er möchte ein Jugendkonto eröffnen, will Auskunft zu den Konditionen. Besonderes Augenmerk legt er auf Zinsen, Kunden/Bankomatkarte, Überziehungsrahmen. Die Eltern gestatten die Eröffnung eines Kontos, aber wollen mit dem Konto nichts zu tun haben - also keine Unterschriften leisten. Diese Ausgangssituation war in allen Instituten bei allen Kundenbetreuern gleich. Unterschiedlich jedoch die Ergebnisse der Gespräche, wie die Jugendanwaltschaft heute berichtete.

Die Testergebnisse: Die Berater am Schalter waren nicht gut auf Auskünfte über Jugendkonten vorbereitet. 53 Prozent mussten bei Vorgesetzten oder Kollegen nachfragen oder nachtelefonieren. Zum Teil wurden veraltete Prospekte ausgehändigt, selbst innerhalb der einzelnen Banken differierten die Auskünfte: Bei 57 Prozent der Banken (4 von 7 Instituten) wurden unterschiedliche Infos in den beiden Zweigstellen gegeben. In den Augen der Jugendanwaltschaft war auch die Beratungsdauer - im Durchschnitt 7 Minuten - meist zu kurz, um wirklich einen Überblick in die Bedingungen zu gestatten. "Rausgeflogen ist der junge Mann nirgends", so Anton Schmid von der Kinder- und Jugendanwaltschaft. Die kürzeste Beratung dauerte allerdings nur 10 Sekunden, dabei wurde dem Schüler nur ein Folder in die Hand gedrückt.

Alarmierende Bankomat-Information

Die von den Institutsmitarbeitern genannten Habenzinsen bewegten sich zwischen 0,25 und 4 Prozent, die Sollzinsen zwischen null Prozent (da keine Überziehung offiziell möglich ist) und 9,5 Prozent, wie nach dem "Test" berichtet wurde. Alarmierend war für die Jugendanwaltschaft die (falsche) Auskunft zum Thema Kunden-/Bankomatkarte/Überziehungsrahmen: Hier reichte die - mündliche - Auskunft von "Bankomatkarte sofort und ohne Unterschrift der Eltern" bis "ausschließlich Überziehen mit Elternunterschrift möglich".

Zur Information: Bankomatkarten an Jugendliche dürfen freilich nur mit Unterschrift der Eltern ausgestellt werden. Konkret dürfen diese Karten ohne Unterschrift der Erziehungsberechtigten erst ab dem vollendeten 17. Lebensjahr ausgegeben werden, so der betreffende Jugendliche regelmäßige Einkünfte vorweisen kann (Lehrlinge etc.). Durch ihre Unterschrift ergibt sich für die Eltern in der Regel eine Mithaftung. Schüler können frühestens mit vollendetem 18. Lebensjahr ohne ausdrückliche Zustimmung der Eltern eine Bankomatkarte bzw. Bargeldbezugskarte erhalten. Indoor verwendbare Karten, die nur für Abhebungen beim ausgebenden Kreditinstitut bestimmt sind und keine Überziehung ermögliche, können ab 14 Jahren verwendet werden.

"Massive Fehlinformationen"

Monika Pinterits und Anton Schmid von der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft beklagten heute, dass es in diesem" stark umworbenen Bereich" der Jugendkonten zu "massiven Fehlinformationen durch Unwissenheit der Bankbetreuer" kommt. Schmid forderte, dass die Kontoüberziehungen bei Jugendlichen gesetzlich neu geregelt werden müssten.

Alexander Maly, Leiter der Wiener Schuldnerberatung, hält die Situation in der Bundeshauptstadt für besonders krass. Genaue Zahlen, die Aufschluss über die Verschuldungsquote unter Jugendlichen geben würden, existieren trotz jahrelanger Forderung nach Freigabe entsprechenden Datenmaterials durch die Banken bisher nicht. Er hielt den Banken vor, seit kürzerem erst wieder via Werbeaktionen "juristische Graubereiche" austesten zu wollen.

Jugendliche "teilgeschäftsfähig"

Juristisch gesehen dürfen Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr keine Unterschrift im Geschäfts- oder Bankenbereich tätigen. Anders sieht es vom 14. bis zum 18. Lebensjahr aus, wo Jugendliche "teilgeschäftsfähig" sind, für die Banken als Kunden interessant würden.

Maly, Pinterits und Schmid forderten die Banken dazu auf, die Informationspflicht gegenüber Jugendlichen in Zukunft deutlich seriöser zu gestalten und die Jugendlichen, die "altersgemäß leichtgläubiger" seien als Erwachsene, über die Geschäftsbedingungen vollständig aufzuklären. Die Problematik der Kontoüberziehungen von Jugendlichen müsse neu überdacht und allen Instituten gleich vorgegeben werden, auch im Bankwesengesetz müssten noch klarere Formulierungen gefunden werden, so die Forderung.

Falls sich die Banken "taub" stellen würden, kündigten die Jugendanwälte an, Detailergebnisse ihrer Studie zu veröffentlichen. Zur Zeit werden die Ergebnisse nur nach Instituten "anonymisiert" publiziert.

"Es dürfte niemandem in Österreich mehr möglich sein, mit Schulden von Jugendlichen Geld zu verdienen", so die Jugendanwälte.(APA)

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