"Sexy Beast": Besuch des alten Gangsterkumpels

27. Juli 2004, 16:05
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Ein virtuoser Ben Kingsley im Thriller "Sexy Beast" rund um Britanniens Gangster-Szene

Wien - Selbst Gangster gehen einmal in den Ruhestand. Gary Dove (Ray Winstone), kurz "Gal" genannt, brutzelt unter der Sonne der Costa del Sol, zur Abkühlung presst er einen nassen Waschlappen auf seine Weichteile. Der beleibte Brite hat sich gemeinsam mit seiner Frau und einem befreundeten Paar einen Lebenstraum verwirklicht - da löst sich ein Felsbrocken vom Hang, verfehlt ihn nur knapp und landet im Pool.

Der britische Regisseur Jonathan Glazer, vormals Werbefachmann und Produzent von Pop-Promos für Bands wie Radiohead, setzt in seinem Filmdebüt Sexy Beast öfters auf solche drastischen Einlagen - die einen durchaus vorhandenen Milieurealismus ins Surreale überhöhen. Dabei ist der Fels nur ein erstes Zeichen für eine Bedrohung, die erst in Gestalt eines Exkollegen (Ben Kingsley) manifest wird: Dieser will Gal zu einem letzten Ding überreden. Seine Mittel dafür sind seine Erscheinung - steif und hager sitzt er da, ein Dämon, der mit manischen Redemanövern und plötzlichen Aggressionsschüben sein Gegenüber einzuschüchtern versteht.

Kingsley, als gewaltresistenter Gandhi noch in bester Erinnerung, liefert in dieser Rolle ein Virtuosenstück, für das er unter anderem den Europäischen Filmpreis erhielt. Seine Figur verschwindet dahinter jedoch fast, man sieht vielmehr dem Schauspieler bei der Arbeit zu, der Perfektion, mit der er seine Gesten setzt und Flüche blitzschnell herausschleudert.

Foto: Constantin/Senator

In Großbritannien wurde Sexy Beast in den Himmel gelobt, Vergleiche mit John Boormans defätistischem Thriller Point Blank fielen gar. Das muss wohl erstens an einem gewissen Heimvorteil liegen und zweitens daran, dass man in Glazers Debüt endlich eine Abkehr von der Flut an selbstironischen Genrebeiträgen im Stile von Guy Ritchies Snatch erkennen konnte. Anders als diese ist Sexy Beast von einer finalen Grundstimmung beherrscht, die Figuren wirken wie manieristische Prototypen eines Spiels, an dem sie schon zu lange mitwirken.

Ungewöhnlich an Sexy Beast ist vor allem seine erzählerische Ökonomie: Nicht dem Coup, der zuletzt unter Wasser, durch rhythmische Montagen verkürzt, vorgenommen wird, gilt das eigentliche Interesse, sondern eben der Konfrontation der Gangster im fernen Domizil - ein Psychodrama im Cockney-Slang, das im Blutbad endet.

Glazer neigt jedoch dazu, jeden szenischen Einfall bis zum Äußersten zu forcieren - etwa muss Gal in traumähnlichen Passagen noch einem haarigen Teufel begegnen. So steuert Sexy Beast trotz spannender Ansätze immer mehr auf das Dilemma zu, dass darin nicht das Drama, sondern nur noch der Oberflächenreiz der Bilder zu überwältigen vermag. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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    foto: constantin/senator
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