Falsche Signale

2. Oktober 2002, 11:21
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Der "erschummelte" Eva-Preis - Wo bleibt der Aufschrei von Unterrichtsministerin Gehrer?

Ob es am Wahlkampf liegt, dass das Thema Schummeln auf einmal so viel Interesse beansprucht? Bekanntlich hat der Wiener Stadtschulrat vergangene Woche angeregt, die Verwendung schulbehördlich konzessionierter Schummelzettel und die nachträgliche Korrektur von Schularbeiten durch die Schüler zu erlauben. Das erzürnte die fast professionelle Musikantin und eher amateurhafte Unterrichtsministerin derart, dass sie die Forderung, Schummeln dürfe kein Mittel sein, eine Leistung zu erreichen, in den Rang einer abendländischen Bildungsmaxime erhob und dekretierte, bei dieser Anregung handle es sich um "ein ganz, ganz falsches Signal".

Im dumpfen Drang, sich den Wählern als die Muse der Leistungsbereitschaft zu präsentieren, hat sie damit gleich auf mehreren ganz, ganz falschen Dampfern Platz genommen. Denn erstens werden besagte Schummelzettel in den Schulen längst verwendet, zweitens liegt die Studie bereits seit einem halben Jahr auf und drittens handelt es sich bei derselben keineswegs um einen Angriff rabiatlinker Leistungsverweigerer auf die ethischen Bastionen heimischer Pädagogik, sondern - wie auch der in diesem Zusammenhang gewiss unverdächtigen Presse zu entnehmen ist - um "ein lupenreines VP-Produkt".

Vor allem aber: Frau Gehrer würde bei den jungen Menschen, die sie vor dem Abgleiten auf des Schummelns schlüpfrige Bahn zu bewahren vorgibt, einen überzeugenderen Eindruck hinterlassen, wenn sie den Schummlern in ihrer näheren Umgebung mit ebensolcher Wucht entgegengetreten wäre, etwa ihrem musikalischen Mentor, der sich mit der nachträglichen Korrektur seines Versprechens, in Opposition zu gehen, falls er seiner Partei den dritten Platz erspiele, den Bundeskanzler erschummelte.

Wenn schon nicht als Ministerin, dann wenigstens als Frau hätte sie schon früh auf die Schummelei hinweisen müssen, mit der eine Elisabeth Sickl als Sozialministerin ausgegeben wurde, oder auf die andere, die es ihrem Regierungskollegen Herbert Haupt offiziell ermöglicht, in der Schminke eines Frauenministers aufzutreten. Dass er als solcher keine bleibenden Spuren hinterlassen wird, ist die bedeutendste frauenpolitische Leistung, die man sich von ihm erhoffen durfte, auch wenn das den penetranten Schummelgeruch nicht vertreiben kann.

Als Bildungsministerin hingegen müsste Frau Gehrer ihm den Vorwurf der Schummelei entgegenschleudern, wenn er nun unter dem Vorwand, es gelte Frauen zu ehren, die im Alltag Großartiges leisten, den Käthe-Leichter-Staatspreis für frauenspezifische Forschung in der Arbeitswelt durch einen weniger an intellektuellen, sondern eher an biologischen Kriterien ausgerichteten "Eva-Preis" ersetzen will.

Das Frauenbild, das da vermittelt werden soll, ist das der FPÖ. So weit waltet noch Ehrlichkeit. Die Schummelei steckt im Unausgesprochenen. Denn Käthe Leichter verkörperte alles, was ein deutschnational geeichter Freiheitlicher nicht ausstehen kann. Sie war eine Sozialdemokratin; sie war eine Intellektuelle (Promotion mit Auszeichnung bei Max Weber); sie gründete das Frauenreferat in der Arbeiterkammer und setzte sich vehement für die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Interessen arbeitender Frauen ein; sie war eine Gegnerin des Faschismus und sie wurde mit 45 Jahren im März 1942 im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück ermordet.

Wer kann es dem Frauenminister da verübeln, dass er sich in den letzten Wochen einer Legislaturperiode mit ungewissem Ausgang noch rasch ein paar lästige Erinnerungen vom Hals schaffen will? Selbst wenn er dafür ein wenig schummeln und einen "Eva-Preis" erfinden muss.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 2.10.2002)

von Günther Traxler
2.Oktober 2002
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