Die verbogene Moral: Goldhagens Polemik

1. Oktober 2002, 19:34
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Daniel Goldhagens Buch über die katholische Kirche und das Dritte Reich als vergebene Chance

Die katholische Kirche fand im Dritten Reich das Böse nicht so schlimm. Weil sie sich, so Daniel Goldhagen in seinem neuen Buch, in ihrer langen antisemitischen Tradition mit dem neuen Regime traf. Das hätte ein interessantes Buch sein können. Es wurde eine vergebene Chance.

Seltsam: Es ist alles längst bekannt. Trotzdem wurde das ab heute im Handel erhältliche neue Buch von Daniel Jonah Goldhagen über die Stellung der katholischen Kirche zum Holocaust vorweg schon als Illustriertenstoff vermarktet. Dabei wurde aber weniger über das Buch gesprochen. Vor allem nicht über dessen in Ansätzen erkennbare tiefere Schicht unter der ausgewalzten Polemik. Was hat es mit diesem Buch nun auf sich?

Vierzig Jahre nach Rolf Hochhuths einstigem Skandalstück über die zwielichtige Haltung des Papstes Pius XII. zur Judenverfolgung, Der Stellvertreter (1963), schreibt auch der 1959 geborene Harvard-Politologe Goldhagen nun über Pius XII.: gegen dessen judenfeindliche Haltung (er unterdrückte u. a. die antirassistische und zur Judenpolitik Stellung beziehende Enzyklika seines Vorgängers, Humani Generis Unitas).

Erst als der Kriegsausgang zugunsten der Alliierten absehbar wurde, habe der Vatikan seine Haltung heuchlerisch geändert. Davor setzte man das Judentum mit der "bolschewistischen Bedrohung" gleich: Hierin hat Goldhagen Recht, denn tatsächlich lief auch die nationalsozialistische Infiltration stark über eine Antikommunismus-Schiene: Und über die Formel Weltjudentum = Bolschewismus = Feind ist ein großer Teil des Kirchengleichschritts mit dem Regime einsehbar zu machen.

Leider aber stößt Goldhagen nicht tiefer in diese Ebenen vor. Dies hat er 1996 in seinem Weltbestseller Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust gemacht. Das jetzige Buch wirkt dazu wie ein unkonzentrierter Aufguss, die Suche nach einem neuen Thema, das aber aus Zeitmangel (Auftritte!) nicht sorgfältiger bearbeitet werden kann, was dann mit pathetischer Moralpredigt bemäntelt wird.

Wenige Fakten

Auf der dünn gestreuten empirischen Ebene erwähnt Goldhagen noch en passant: Dass sich der slowakische Priester-Präsident Tiso, ein fanatischer Antisemit, an der Ermordung der slowakischen Juden beteiligt habe; dass katholische Bischöfe die faschistische Ustascha in Kroatien unterstützten; dass die Priester die Taufregister öffneten (und Juden enttarnten); dass Tausende Feldgeistliche den Antisemitismus nie problematisierten. Warum? Weil er im Kern der Kirche steckt.

Das ist die Hauptthese von Goldhagens neuem Buch: Die Kirche sei als Institution und in ihren zentralen biblischen und liturgischen Texten antisemitisch verseucht. Deshalb verschloss sie die Augen vor der Judenverfolgung: Wenn Juden schon per se als "Kinder des Teufels" gelten, dann ist es unwahrscheinlich, an deren Vernichtung etwas böse zu finden, denn gegen den Teufel zu sein gilt doch als o.k.

Aus diesem Buch hätte etwas werden können: Goldhagens zentrale These in seinem früheren Buch war ja, dass "gewöhnliche Deutsche" (also nicht bloß Eliten) von Grundlehren der Nazi-Ideologie so überzeugt waren, dass sie an deren praktischer Umsetzung im Verbrechen nichts mehr verwerflich fanden.

Das ist ein zentraler Punkt, den unter anderem auch der österreichische Historiker Hans Safrian bei Eichmanns Gehilfen feststellte: Dass sie eben die völlig pervertierte Moral für die richtige, für "gut" hielten, dass für "gut" galt, was Verbrechen war. Anders gesagt: Die scheinbar klaren Linien von "gut" und "böse" können durch ideologische Verbiegung umgepolt werden. Das ist ein höchst interessantes Problem. Genau deshalb fanden sich viele einfache Menschen als Hitlers willige Vollstrecker wieder.

1996 hat Goldhagen in vielen Beispielen die Handlungsspielräume "gewöhnlicher" Mittäter in den Blick gerückt. Jetzt versucht er seltsamerweise, von dieser Alltagsebene auf eine Institution zurück- zugehen. Er verurteilt in seiner Bannbulle, dass sich die Institution falsch entschieden hat. Das hat aber der bedeutendste Kirchenhistoriker, Klaus Scholder, in seinem Lebenswerk Die Kirchen und das Dritte Reich schon viel genauer und deshalb auch viel schmerzlicher gezeigt. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 10. 2002)

Buchtipp

Daniel J. Goldhagen

"Die katholische Kirche und der Holocaust"



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