"Unter den Teppich gekehrt"

1. Oktober 2002, 19:52
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Stefan Moritz' neues Buch "Grüß Gott und Heil Hitler": über das Verhältnis der katholischen Kirche Österreichs zum Nationalsozialismus

Wien - "Von Anfang an hat die Kirche versucht, alles unter den Teppich zu kehren." Wenn Stefan Moritz über die Vergangenheit der römisch-katholischen Kirche spricht, kommt kaum Schmeichelhaftes. Die Kirche habe wenig Interesse an der Aufarbeitung der eigenen Geschichte, viel Material sei weggesperrt.

Der Theologe beschreibt in seinem Buch Grüß Gott und Heil Hitler das Verhältnis der katholischen Kirche Österreichs zum Nationalsozialismus. Mittels noch teilweise unveröffentlichter Archivquellen, also anders als der US-amerikanische Politologe Daniel Goldhagen, der auf Sekundärliteratur setzt, zeigt er die Verstrickungen der Kirche mit dem Nazi-Regime.

Dass Österreichs Bischöfe 1938 "so rasch und problemlos auf den Nationalsozialismus umgeschwenkt sind", erklärt er mit dem Verhältnis der Kirche zu autoritären Machtsystemen. Moritz im Gespräch mit dem STANDARD: "Die Kirche sah darin ihre Interessen vertreten. Und die Regime rechnen mit ihrer Unterstützung." Der in der Kirche tief verwurzelte christliche Antisemitismus tat das Übrige. "Diesen schädlichen Einfluss des Judentums zu bekämpfen und zu brechen ist nicht nur gutes Recht, sondern strenge Gewissenspflicht eines jeden überzeugten Christen", schrieb etwa der Linzer Bischof Johannes Gföllner 1933.

Die Kirchentore für den Nationalsozialismus hätten die Bischöfe durch ihre "Feierliche Erklärung", die am 27. März 1938 in allen Pfarren verlesen wurde, geöffnet. Was danach folgte, sei eine Mischung aus Mitwissertum und Wegsehen gewesen. Die Bischöfe wussten bereits im Jahr 1940 über das Euthanasieprogramm der Nazis Bescheid, wie Dokumente belegen - sie sagten nichts. Und schon der Novemberpogrom 1938 hatte verdeutlicht, dass die Kirche "zu keiner Stellungnahme für die Juden bereit war".

Nach dem Zweiten Weltkrieg reagierten die Bischöfe schnell. In einem Hirtenbrief vom September 1945 hielten sie fest: "Keine Gemeinschaft hat in diesen Jahren mehr an Hab und Gut, an Freiheit und Gesundheit, an Blut und Leben bringen müssen als die Kirche Christi." Dieses Zitat gebe am besten den Zynismus wieder, findet Moritz. Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft habe die Kirche sich nicht nur gleich als größtes Opfer geriert, es ging ihr auch darum, verlorene Besitztümer zurückzugewinnen und erworbene Rechte zu sichern. Keine Zeit für die Schuldfrage.

Und das Geschichtsbewusstsein heute? Man könne sich kaum noch eine Vorstellung von den beschränkten Aktionsmöglichkeiten der katholischen Kirche im totalitären NS-Regime machen, verteidigt Kardinal Christoph Schönborn die Kirche. Er verweist auch auf die Vergebungsbitte des Papstes im Jahr 2000 sowie auf die Konzilserklärung "Nostra Aetate" von 1965, in der man sich gegen den "christlichen Anitjudaismus" wandte.

Für Moritz ist das zu wenig, denn: "Das ist die oberflächliche Entschuldigungsstrategie. Es fehlt die grundlegende historische Aufarbeitung. Es wird nur allgemein formuliert." (Peter Mayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 10. 2002)

Stefan Moritz: "Grüß Gott und Heil Hitler",
erschienen im Picus-Verlag
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