Contra: Starke europäische Regeln gesucht

1. Oktober 2002, 19:37
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Der Kodex geht nicht weit genug - Von Robert Kremlicka

Das neue österreichische Corporate-Governance-Konzept ist ein bedeutender erster Schritt. Aber es erfasst nur einen Bruchteil der Spieler im System und ist auch nicht besonders aggressiv. Es ist eine der zahlreichen Initiativen in Europa - im Zeitalter der internationalen Verflechtung der Wirtschafts- und Finanzsysteme geradezu ein Anachronismus. Wünschenswert wäre ein europäischer Corporate-Governance-Ansatz für börsennotierte Unternehmen mit nationalen, auf die jeweilige Rechtsordnung abgestimmten Anpassungen.

Hinzu kommt, dass die Mitwirkenden an der Konzepterstellung die Betroffenen sind. Das fördert Kompromisse. Und schließlich betreffen die Regeln nur die Unternehmen und deren Aktionäre, das Geflecht der Finanztransaktionen ist ausgespart. Deutschland geht hier weiter: Finanzminister Hans Eichel kündigte kürzlich strenge Regeln für Analysten und Ratingagenturen an.

Der Ansatz meiner Kritik reicht jedoch weiter: Finanzskandale gibt es auch in Kontinentaleuropa, aber sie sind in ihrer Dimension nicht mit den US-amerikanischen vergleichbar. Unsere rechtlichen Rahmenbedingungen - vor allem die Trennung von Aufsichtsrat und Vorstand sowie die dem Gläubigerschutz stärker verpflichteten Buchführungsvorschriften - sind offensichtlich ein taugliches Instrument zur Verhinderung von Mega-Manipulationen wie jene bei Enron oder WorldCom.

Während jedoch die Bush-Regierung monatelang mit politischen Konsequenzen zögerte - die Gauner waren zugleich Gönner -, entwickelte sich in Europa die geradezu bizarre Situation, nun mit neuen amerikanischen Vorschriften konfrontiert zu sein. Beispiele sind der Bilanzeid oder die undurchsichtigen US-GAAP-Vorschriften (General Accepted Accounting Principles) für Unternehmen, die in den USA gelistet sind.

Ein Hoch dem IAS

Daher ist es richtig, dass der für den Finanzmarkt zuständige EU-Kommissar Frits Bolkestein den IAS (International Accounting Standard) forciert. Mehr noch, der IAS ist europaweit als verbindlicher Standard zu fordern. Es ist inakzeptabel, dass künftig noch komplexere US-GAAP-Vorschriften - verbunden mit der Auflage, dass US-gelistete Unternehmen nur von "big four"-Wirtschaftsprüfern geprüft werden - europäische Konzerne dominieren.

Reformen bekämpfen häufig nur die vergangenen Krisen. Vorausschauend erscheinen mir fünf Maßnahmen wesentlich:

  • Die Regeln gelten europaweit für alle Großunternehmen.
  • Corporate Governance wird verbindlich.
  • Financial Governance regelt das Verhältnis zwischen Analysten, Investmentbankern, Brokern etc.
  • Europa bleibt beim dualen Prinzip Aufsichtsrat-Vorstand und führt den IAS zwingend bei allen Großunternehmen (privaten wie börsennotierten) ein.
  • Publikationen von Analysten, Fondsmanagern, aber auch Unternehmen müssen zwingend zu Abweichungen von früher getroffenen Aussagen Stellung nehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2002)
Robert Kremlicka ist Österreich-Chef des US-Beraters A.T. Kearney.
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