Pro: Kodex mit Ecken und Kanten

1. Oktober 2002, 19:36
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Österreich braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen - Von Randolf Fochler

Nun hat also auch Österreich einen Corporate-Governance-Kodex, der trotz obligater Unkenrufe den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Die Medien haben sich im Vorfeld dieser komplexen Diskussion vor allem auf die Frage gestürzt, ob die Gehälter der Vorstände einzeln zu veröffentlichen sind. Für Österreich, der globalen Zentralregion der Neidgesellschaft, symptomatisch, dass gerade dieser Passus so in den Vordergrund gerückt wurde. Freilich wäre dieser "Tabubruch" auch in unserem Land begrüßenswert; für das Gesamtbild von Corporate Governance ist dieser viel diskutierte Aspekt jedoch zweitrangig. Sei's drum. Im Kodex wird nun die Veröffentlichung der Gagen einzelner Vorstände angeregt; man darf gespannt sein, wer dieser Empfehlung als Erster Folge leistet.

Andere Elemente sind für unseren Kapitalmarkt fast revolutionär. Etwa das festgeschriebene Prinzip "one share - one vote" oder die Veröffent- lichungspflicht der Aktienbestände des Managements oder die Limitierung der Aufsichtsratsmandate. Dieser Kodex ist keine Soft-Version internationaler Vorbilder - er hat für österreichische Verhältnisse durchaus Ecken und Kanten.

Heikle Mission

Dies war auch die heikle Mission des Expertenteams um den Kapitalmarktbeauftragten Richard Schenz: strenge Richtlinien mit Augenmaß, ohne den Bogen zu überspannen. Die vereinzelten Zurufe, doch gleich US-Standards anzulegen, sind hanebüchen und ziemlich realitätsfremd. Zu unterschiedlich sind die Strukturen der Unternehmen, die Kapitalmarkttraditionen, das jeweilige Gesellschaftsrecht sowie die allgemeine Wirtschaftsordnung.

Man darf nicht glauben, dass als Reflex auf die Etablierung des Kodex internationale Investoren signifikant mehr österreichische Aktien kaufen werden. Die schwache Liquidität der Wiener Börse wird um keinen Deut besser, wenn Manager ihre Gehälter, Boni und die Marke ihres Dienstautos offen legen. Aber: Corporate Governance ist ein Indiz für einen zivilisierten Kapitalmarkt, gibt den Investoren größere Sicherheit, schafft mehr Hygiene im Zusammenspiel der Unternehmensorgane und bietet den Konzernlenkern eine Orientierungshilfe. Deshalb ist der Kodex gut für Corporate Austria.

Überregulierung nicht sinnvoll

Dennoch sei angemerkt: Österreichs börsennotierte Unternehmen sind heuer mit einer Fülle neuer Normierungen und Vorschriften konfrontiert. Da wären Prime-Market-Regeln, Emittenten-Compliance-Verordnung und Corporate-Governance-Kodex. In den letzten zehn Jahren ist diesbezüglich praktisch nichts geschehen - nun schlägt die Regulierungswut komprimiert innerhalb eines einzigen Jahres zu. Vieles davon war notwendig, aber das "Gesamtpaket" verursacht den Gesellschaften Kosten, bindet Personalressourcen und birgt enormen administrativen Mehraufwand.

Überregulierung ist nicht sinnvoll und deshalb auch eine gesetzliche Verankerung des Kodex entbehrlich. Den Unternehmen sollte nun ausreichend Zeit gegeben werden, all die neuen Regelungen umzusetzen und zu leben. Am Ende des Tages ist ja doch der Markt das stärkste Regulativ. (DER STANDARD, Pritnausgabe 2.10.2002)

Robert Köchler ist Investor-Relations-Manager bei Böhler-Uddeholm.
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