30.000 Jobs wackeln

3. Oktober 2002, 09:14
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Deutsche Telekom will "sozialverträglich" einsparen - Kai-Uwe Ricke als neuer Kronprinz gehandelt

Bonn - Die Deutsche Telekom beschleunigt den angekündigten Abbau von rund 30.000 Stellen. Das Unternehmen teilte am Mittwoch in Bonn mit, allein bei der Festnetzsparte T-Com sollten nach 7.200 Arbeitsplätzen im laufenden Jahr bereits im nächsten Jahr weitere 14.000 Stellen wegfallen. Bis 2005 sollen insgesamt weitere etwa 8.300 Jobs bei T-Com gestrichen werden.

Bisher sei vom Wegfall von durchschnittlich etwa 10.000 Stellen pro Jahr in drei Jahren die Rede gewesen, sagte ein Telekom-Sprecher. Nun solle der Schwerpunkt des Abbaus auf 2003 vorgezogen werden. Der Sprecher betonte, dass es betriebsbedingte Kündigungen nicht geben werde.

Das Unternehmen wolle den Stellenabbau sozialverträglich bewältigen durch die Streichung offener Stellen, die konsequente Nutzung der Fluktuation und Anpassung der Fremdvergabe. Ein weiteres Mittel sei der Transfer von bisherigen Mitarbeitern in die von der Telekom mit der Gewerkschaft ver.di vereinbarten Personalserviceagentur, aus der sie im besten Fall schnell zu neuen Arbeitgebern weiter vermittelt werden könnten.

Ziel der Personalabbaus auch in anderen Unternehmensbereichen und weiterer Sparmaßnahmen ist der Abbau des Schuldenberges von 64 Mrd. Euro. Bei der Telekom waren Ende 2001 insgesamt weltweit 257.000 Mitarbeiter beschäftigt, rund 118.000 davon bei T-Com.

Ricke Favorit

T-Mobile-Chef Kai-Uwe Ricke soll nach einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" neuer Telekom-Vorstandschef und damit Nachfolger von Ron Sommer werden. Der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom werde innerhalb der nächsten vier Wochen seine Entscheidung bekannt geben, berichtete das Blatt. Ein Sprecher der Telekom lehnte dazu am Dienstag in Bonn jede Stellungnahme ab. "Wir kommentiere keine Personalfragen."

Kronprinz

Nach dem Rücktritt von Sommer gilt Ricke neben Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick als starker Mann im Vorstand des Konzerns. Ricke ist zuständig für das Mobilfunk- und Internetgeschäft. Als Ricke im Mai 2001 in den Vorstand des Telefonriesen berufen wurde, galt er bereits als Sommers Kronprinz. Der Vater des Mobilfunkchefs, Helmut Ricke, war Sommers Vorgänger. Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf Aufsichtsratskreise schon Ricke als einen von vier Kandidaten für den Telekom-Chefsessel genannt. Neben Ricke seien dies Eick, der frühere Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, und Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking.

Ein Porsche-Sprecher sagte, an Spekulationen um eine Kandidatur von Wiedeking sei "absolut nichts dran". Sein neuer Vertrag als Vorstandsvorsitzender habe gerade begonnen und laufe bis 2007. Zuletzt habe auch Henkel als heißer Kandidat für die Sommer-Nachfolge gegolten, schrieb die "Welt". Er habe aber definitiv kein Interesse.

Interims-Chef

Der nach dem Kurssturz der T-Aktie stark unter Druck geratene Sommer war Mitte Juli zurückgetreten. Seither übt der frühere Aufsichtsratschef Helmut Sihler die Vorstandsführung kommissarisch aus, bis ein Sommer-Nachfolger bestimmt ist.

Kabelnetz-Verkauf

Die Telekom prüfte unterdessen die eingegangen Angebote für den Kauf ihrer restlichen regionalen Fernsehkabelnetze. Über die Anzahl der Angebote oder ihren Inhalt äußere sich die Telekom nicht, sagte ein Sprecher. Nach dem Prüfergebnis werde die Telekom "in den nächsten Tagen" entscheiden, wie sie weiter vorgehe und mit wem sie in Verhandlungen trete. Nach übereinstimmenden Zeitungsberichten sollen sich vier Konsortien mit Geboten um das Kabelnetz beworben haben. Alle vier Offerten lägen im Bereich von rund 2 Mrd. Euro und damit unter den Erwartungen der Telekom, berichteten die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung". Die Telekom hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, sie rechne mit einem Verkaufserlös von bis zu 3,5 Mrd. Euro. (APA/dpa)

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