Aktienmärkte als Konjunkturbremse

1. Oktober 2002, 17:35
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BA-CA-Vorstand Willi Hemetsberger übt Kritik an restriktiver Zinspolitik der Europäischen Zentralbank

Washington - Ernüchterung an den Kapitalmärkten konstatierte der Vorstandsdirektor der Bank Austria-Creditanstalt, Willi Hemetsberger, in einem Pressegespräch am Rande der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Nach dem Ende der Aktienhausse im Jahr 2000 seien die Anleger zunehmend vorsichtiger geworden. Es sei zu Umschichtungen in den Portefeuilles in Richtung Anleihen und Immobilien gekommen. Die Risikobereitschaft sei so niedrig wie zuletzt 1991 (Golfkrieg und US-Rezession).

Für Hemetsberger sind die rückläufigen Aktienkurse ein wesentlicher Grund für die schlechte Konjunkturlage. Er verweist in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Japan, wo der Absturz der Aktienmärkte vor knapp zehn Jahren eine lange Phase der Stagnation mit deflationären Tendenzen eingeleitet habe, die bis heute nicht überwunden sei.

"Zinssenkung überfällig"

Kritik übte Hemetsberger in diesem Zusammenhang an der restriktiven Fiskalpolitik in Europa und am Zögern der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen zu senken. An dem Stabilitätspakt sei zwar grundsätzlich nichts auszusetzen, er sollte aber flexibler gestaltet sein und auf die jeweilige Konjunkturlage Rücksicht nehmen.

Eine Senkung der Leitzinsen durch die EZB hält er für überfällig. Der Markt habe jedenfalls eine Reduktion um einen halben Prozentpunkt bereits vorweggenommen. Dass die konjunkturelle Situation in den USA günstiger ist als in Europa führte Hemetsberger auf das Deficit-Spending der US-Regierung zurück, die binnen Jahresfrist den Budgetsaldo von einem zweiprozentigen Überschuss in ein Defizit von zwei Prozent gedreht habe. Auch die starke Position der US-Notenbank, die die Leitzinsen seit 2001 um insgesamt 4,5 Prozent reduziert habe, sei dafür ausschlaggebend.

"Vergebene Chance"

"Als vergebene Chance" bezeichnete der stellvertretende Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank (RZB), Herbert Stepic, die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank. Es sei den Verantwortlichen nicht gelungen, in einer prekären weltwirtschaftlichen Situation positive Aspekte und Ideen zu entwickeln, obwohl der Markt auf derartige Signale gewartet habe.

Osteuropa

Dass positive Signale möglich gewesen wären, zeige die Entwicklung in Osteuropa, wo das Wachstum deutlich höher sei als im übrigen Europa und in den USA. Die Pro-Kopf-Einkommen dieser Region seien in den letzten fünf Jahren um 29 Prozent gestiegen und unter den zehn Wachstums-Spitzenreitern befänden sich acht aus Osteuropa.

Im kommenden Jahr könnten die EU-Beitrittskandidaten (plus Kroatien) mit einem Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent rechnen, gegenüber 1,8 Prozent in der EU und 2,3 Prozent in den USA. (Günter Baburek, DER STANDARD, Printausgabe 2.10.2002)

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    BA-CA-Vorstand Willi Hemetsberger: Die rückläufigen Aktienkurse sind ein wesentlicher Grund für die schlechte Konjunkturlage.

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