Milosevic: Mesic hat politische Morde angeordnet

2. Oktober 2002, 16:38
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"Radikaler als Tudjman" - Kroatischer Präsident weist Anschuldigungen zurück - Heftiges Wortgefecht vor UNO-Tribunal

Zagreb/Den Haag - Der vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte ehemalige serbische und kroatische Präsident Slobodan Milosevic hat am Dienstag den kroatischen Staatspräsidenten Stipe Mesic ins Kreuzverhör genommen. Milosevic warf Mesic vor, mehrere politische Morde angeordnet zu haben. Mesic sei "radikaler" gewesen als der nationalistische kroatische Staatspräsident Franjo Tudjman und habe auch im kommunistischen Jugoslawien eine Gefängnisstrafe verbüßen müssen. Danach sei er vom jugoslawischen Militärgeheimdienst angeworben worden. Mesic wies die Anschuldigungen als "Produkt von jemandes Phantasie" zurück.

"Es ist die Frage, wer hier der Kriminelle ist", sagte Milosevic. Der kroatische Präsident sage nur deswegen vor dem UNO-Tribunal aus, um sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen. Schließlich sei er während des Krieges (1991-95) "die zweitwichtigste Person in Kroatien" gewesen. Mesic konterte, dass er Milosevic für schuldig im Sinne der Anklage halte. Richter Richard May Milosevic musste Milosevic einige Male darauf hinweisen, sich auf die Aussage Mesics zu konzentrieren statt Anschuldigungen zu erheben.

Die beiden Politiker waren in ihrem Wortgefecht des Öfteren sarkastisch. Beim Beantworten einer Frage Milosevics nach Angriffen auf serbische Dörfer sagte Mesic: "Ich erfuhr davon vom (damaligen kroatischen Präsidenten Franjo) Tudjman, mit dem sie ja auch guten Umgang pflegten." Milosevic quittierte diese Anmerkung mit einem Lächeln.

Als Milosevic die im Krieg in Bosnien-Herzegowina (1992-1995) involvierten kroatischen Armeeeinheiten aufzählte, die im Krieg involviert waren, sagte Mesic: "Ich merke, dass sie darüber gut informiert sind, aber es wäre gut, wenn sie auch die serbischen Einheiten nennen würden, die aus Belgrad kamen und Städte zerstörten." Die beiden Politiker diskutierten auch darüber, ob die frühere jugoslawische Verfassung den einzelnen Teilrepubliken das Recht auf Unabhängigkeit einräumte. Während Mesic diese Ansicht vertrat, betonte Milosevic, dass dieses den einzelnen Völkern Jugoslawiens zustand.

Die Serben in Kroatien seien Opfer gewesen, so habe man Verbrechen an ihnen verübt und sie aus dem Staatsdienst entlassen. Angesprochen auf die von Milosevic behauptete "nationalistische Rhetorik" im kroatischen Parlament räumte Mesic ein, dass es "einige unangemessene Aussagen" und "unnötige Entlassungen" gegeben habe, die "schädlich für Kroatien" gewesen seien. Allerdings hätte man diese Probleme mit rechtsstaatlichen Mitteln "und nicht durch die Zerstörung von Vukovar, Dubrovnik oder anderen Städten" lösen sollen. Jene Kroaten, die damals Kriegsverbrechen begangen hätten, stünden heute vor kroatischen Gerichten, betonte Mesic.

Mesic hatte am Dienstag in seiner Aussage vor dem UNO-Tribunal Milosevic die Schuld am Zerfall Jugoslawiens und der Besetzung einiger Teile Kroatiens gegeben. Milosevic sei nicht am Erhalt des Gesamtstaats interessiert gewesen, sondern lediglich an einem "auf den Ruinen Jugoslawiens aufgebauten Großserbien". Zu diesem Zweck habe Milosevic die besetzten Gebiete in Kroatien und Bosnien an Serbien anschließen wollen. Mesic beschrieb, wie der jugoslawische Militärgeheimdienst den Aufstand der Serben in Kroatien provoziert habe, um das Gebiet danach zu "befrieden". Als Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums in den Jahren 1990 und 1991 habe er einem Militärputsch beigewohnt, in dessen Zuge der von Milosevic kontrollierte "serbische Block" die Macht über die Jugoslawische Volksarmee übernahm.

Zu Milosevic' Rolle während der Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina sollen bis März 2003 insgesamt 177 Zeugen gehört werden. Danach hat Milosevic Zeit, zu allen Punkten der Anklage - einschließlich der Verbrechen in der Kosovo-Region - Stellung zu nehmen. Im Falle einer Verurteilung droht Milosevic lebenslange Haft.

"Konnte nur meine Sekretäre beeinflussen"

Milosevic gab Mesic erneut die Schuld am Zerfall Jugoslawiens. Der kroatische Präsident konterte, dass er in seiner Funktion als Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums 1991 "nur meine zwei Sekretäre, meinen Berater und meinen Kabinettschef beeinflussen konnte - und auch das waren Serben". Vielmehr habe zu diesem Zeitpunkt Milosevic den entscheidenden Einfluss auf die Jugoslawische Volksarmee (JVA) gehabt.

Mesic erhob während des Kreuzverhörs nur wenige Male Milosevic, vor allem wegen der von der JVA in Vukovar begangenen Verbrechen. Milosevic und die serbische Führung hätten den Rebellen erlaubt, Verbrechen an verwundeten Kroaten in der Stadt zu begehen. Gefangene seien nach Serbien in Lager geführt worden. Milosevic stellte dies in Abrede und sprach von 221 Gefangenenlagern für Serben in Kroatien. Mesic warf Milosevic weiter vor, auch den Beschuss der kroatischen Hauptstadt Zagreb geplant zu haben. Der damalige jugoslawische Verteidigungsminister Veljko Kadijevic habe Milosevic daraufhin aber gewarnt, dass die Kroaten militärisch bereits zu stark geworden seien.

Als Milosevic ihn fragte, ob er den Zerfall Jugoslawiens mit dem früheren deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Papst Johannes Paul II. erörtert habe, erwiderte Mesic: "Darüber kann ich wirklich nur lachen. Das ist ein ernster Ort hier." Mesic wird seine Zeugenaussage in Den Haag am Donnerstag fortsetzen. (APA)

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    Stipe Mesic vor dem Tribunal

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    Slobodan Milosevic

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