Ö1 "könnte viel mehr Geld verdienen"

1. Oktober 2002, 20:31
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Senderchef Alfred Treiber zum 35-jährigen Bestehen: "Auch ein Kultursender braucht Quote"

Seinen 35. Geburtstag feiert das ORF-Radio Ö1. Für seinen Chef Alfred Treiber ist der Sender eine "Weltausnahmeerscheinung". "Das klassische Kulturradio europäischen Zuschnitts gibt es sonst nirgends mehr", sagt er im APA-Interview. Selbstzweck aber dürfe das nicht werden: "Auch ein Kultursender braucht Quote", so Treibers Standpunkt. "Wenn er nicht erfolgreich ist, stellt sich sonst irgendwann die Sinnfrage." Für Anfang 2003 steht bei Ö1 eine "Feinabstimmung" des Programmschemas an, die im November vom Stiftungsrat genehmigt werden soll.

Zielgruppe "35 plus"

Die Zielgruppe "35 plus" hat Ö1 vordringlich im Visier. "Und davon erreichen wir sehr viel", so Treiber. Laut Radiotest (1. Halbjahr 2002) hatte Ö1 8,2 Prozent Reichweite und fünf Prozent Marktanteil bei der Zielgruppe zehn plus. Das Durchschnittsalter der Ö1-Klientel betrage freilich 53 Jahre, führt Treiber aus. "Habituell" werde das Publikum dennoch immer jünger: "Man kann einen heutigen 55-Jährigen nicht mit einem 55-Jährigen vor 30 Jahren vergleichen. Die 50-plus-Generation, das sind die 68er. Die sind aufgewachsen mit Pop-Musik und Klassik zugleich, das ist ein generalistisches Publikum. Darauf hat das Programm Rücksicht zu nehmen."

"Bauchgefühl"

An "schrittweisen Verbesserungen" arbeite man ständig, betont Treiber. Dabei stütze man sich auf die Radioforschung und "unser Bauchgefühl". "Wir bemühen uns sicher mehr als so mancher andere Sender, herauszufinden, was unser Publikum will." Abrupte Programmänderungen aber goutiert der "klassische" Ö1-Hörer gar nicht. "Behutsam" haben daher etwaige "Schema-Adaptionen" zu geschehen.

"Feinabstimmung"

Dies ist auch für die anstehende Justierung geplant: Das Jahressendeschema Radio soll der ORF-Stiftungsrat bei seiner nächsten Sitzung Anfang November absegnen. Details wollte Treiber daher vorerst nicht ausführen. Es habe sich aber herausgestellt, dass die Platzierung des "Opernkonzerts" direkt nach dem "Mittagsjournal" zwar eine "jahrzehntelange Tradition" sei, aber mittlerweile vielleicht "zu speziell". "Nach dem 'Mittagsjournal' verlieren wir relativ viele Hörer", meint Treiber. Künftig könnte daher um 13 Uhr konsensfähigere Klassik zu hören sein und das "Opernkonzert" später gesendet werden.

Weitere Stoßrichtung der "Feinabstimmung" des Ö1-Programms: Eine Forcierung der Wirtschaftsberichterstattung mit einer "Wirtschaftssendung mit Hintergrund" sowie eine "weitere Erhöhung unserer Informationskompetenz". Medienberichte, wonach auch am Sonntag ein morgendliches "Journal" hinzukommen soll, wollte Treiber aber noch nicht näher kommentieren. Überlegungen zu einem eigenen Filmmagazin bestätigte er.

"Senden allein ist nicht genug"

Die solide Positionierung des ORF-Kulturradios Ö1 führt Treiber auch darauf zurück, dass man seit Mitte der 90er Jahre eine bewusste Markenpolitik betreibe. "Wir haben erkannt, dass Senden allein nicht genug ist und begleitende Maßnahmen wie den Ö1-Club, die CD-Produktionen und die Öffnung des Radiokulturhauses gesetzt". Dieser Weg soll trotz des im ORF angesagten Sparkurses fortgesetzt werden. "Das Produkt richtig zu verkaufen, gehört zum Kerngeschäft."

"Sich in schwierigen Zeiten auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, ist nur dann sinnvoll, wenn man das Kerngeschäft richtig definiert", so Treiber. Dass im Zuge der Sparüberlegungen der ORF-Spitze auch Geschäftsfelder wie das Radio Symphonieorchester Wien (RSO-Wien) und das RadioKulturhaus hinterfragt wurden, ist für ihn legitim.

"Sind ein teures Produkt"

Ö1 selbst operiert mit einem Außenkostenbudget von rund 14,5 Mill. Euro. "Wir sind ein teures Produkt", sagt Treiber. "Aber das Produkt wird von der Geschäftsführung gewollt. Da gibt es entsprechende Unterstützung sowohl finanzieller als auch ideeller Art, und das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt." Dass Ö1 von ORF-kritischen Stimmen mitunter als "öffentlich-rechtliches Feigenblatt" aufgefasst wird, das den kommerziellen Charakter von Ö3 legitimiert, ist für Treiber aber "eine unscharfe Sicht unserer Konkurrenten. Auch die anderen ORF-Radios sind öffentlich-rechtlich."

Werbefrei

Als einziges ORF-Radio ist Ö1 werbefrei. Dabei habe man "theoretisch schon durchgerechnet, dass Ö1 sehr viel Geld am Markt verdienen kann", berichtet der Ö1-Chef. Treiber selbst kann sich Werbung "theoretisch vorstellen, wenn die Produkte stimmen. Ich wäre aber trotzdem sehr stark dagegen, weil ich es für sinnvoll halte, wenn sich eines der Radioprogramme aus dieser Art des Gelderwerbs heraushält". Die Ö1-Hörer würden ebenfalls ablehnend darauf reagieren, es gehe dabei auch um die Glaubwürdigkeit der Marke Ö1. Letztendlich habe man eine Strategie-Entscheidung getroffen: "Obwohl Ö1 sehr viel mehr Geld verdienen könnte, war klar, dass Ö1 ohne Werbung bleibt."

Kulturservice im Internet

"Ziemlich weit gediehen" ist laut Treiber die Arbeit an einem Kulturservice im Internet, "das auf einem Ö1-Internet-Auftritt basiert". Dass eine solche Kulturdatenbank von der Konkurrenz, die die ORF-Aktivitäten im Netz kritisch beobachtet, als nicht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechend angesehen werden könnte, befürchtet er nicht. "Alles, was wir machen, hat unmittelbar mit dem Sender zu tun und ist zu 150 Prozent gesetzeskonform. Ich glaube auch nicht, dass Gefahr besteht, dass wir dort Geld verdienen." (APA)

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