Frühstück ist relativ

1. Oktober 2002, 14:56
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Es gibt viele Sitten und Gebräuche, und über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber: Was ein Frühstück ist und was nicht, darüber sollte innerhalb eines Kulturkreises schon gewisse Einigkeit herrschen.

Eine gute Freundin von mir pflegt den Tag mit Frühlingszwiebeln, Tomaten und grünem Paprika zu beginnen. Okay, nach zwei Mal herrschte zwar Gewissheit, dass ich das Morgenmahl in Zukunft lieber bei mir einnehmen werde, aber immerhin trank sie zumindest einen absolut passablen Tee. Eine andere Bekannte frühstückt grundsätzlich überhaupt nicht, was auch eine eher unattraktive Alternative zum gewohnten Programm ist, aber auch hier wird wenigstens Tee gereicht, wenngleich grüner. Dritte wiederum nehmen ihr Frühstück am liebsten außer Haus ein, was für jemanden, der sich in der Früh nur ungern der feindlichen Umwelt und den dazugehörigen Menschen aussetzt, auch nicht so easy ist, aber bitte. Immerhin hat das Frühstücks-Angebot in Wiens Szene-Gastronomie und jener der Landeshauptstädte enorm aufgeholt, soll heißen, manchmal ist es sogar fast so gut wie bei mir zu Hause.

Aber eben nicht immer, wie eine Kollegin, die angesichts einer eher ausführlicheren Abendgestaltung dazu inspiriert wurde, diese doch gleich in einem Frühstück am Naschmarkt ausklingen zu lassen. Was an und für sich keine schlechte Idee ist, denn das Angebot ist gerade hier ein breites, sie wählte jedoch falsch und landete in einem Etablissement, das den Titel einer weiblichen Aristokratin trägt und sich durch ein gnadenloses Disco-Design auszeichnet. Wie auch immer, sie bestellte "Frühstück für zwei" und das bestand aus folgenden Komponenten: zwei weich gekochte Eier, zwei Scheiben Pressschinken, zwei Scheiben Gummi-Käse, fertig. Kein Gebäck irgendeiner Ausformung und kein Heißgetränk irgendeiner Art. Was jetzt schon einmal deshalb ärgerlich ist, weil man da frühmorgendlich und ermattet sich noch mal mit dem Personal auseinandersetzen muss, noch ärgerlicher allerdings in dieser Hinsicht, dass dieses "Frühstück für zwei" nicht weniger als € 14,80 kostete, der freilich völlig exotische Wunsch nach einem Kaffee die Rechnung um 4,60 Euro noch erhöhte. Wow, das nenne ich geschäftstüchtig – eine mehr als Verzwanzigfachung des Wareneinsatzes bei gleichzeitig wenig Arbeitseinsatz, Respekt.

Abgesehen davon sollte aber doch ein gewisser Konsens darüber bestehen, was zu einem Frühstück so ungefähr dazugehört, und ein Semmerl sowie ein Kaffee/Tee zählt da meiner Meinung nach irgendwie absolut dazu. Ich finde, das sollte gesetzlich festgeschrieben werden.

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    montage derstandard.at
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