Kaprun-Prozess: Beweismittel im Keller des Gerichtsgutachters "gelagert"

2. Oktober 2002, 11:17
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Verteidiger: "saloppen Umgang mit Beweismaterial" vor

Salzburg - Die Mehrheit der Verteidiger forderte heute, Mittwoch, beim Kaprun-Prozess die Abberufung des Sachverständigen Anton Muhr. "Wichtige Beweismittel wie die Seiten- und Heckwand aus Holz, ein Kantschutz und ein Ballon mit rund 25 Liter Hydrauliköl liegen im Keller von Muhr anstatt bei Gericht", begründete Verteidiger Wilfried Haslauer den Antrag. Der kritisierte Gerichtsgutachter entgegnete, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt, er werde die Beweismittel kommende Woche vorlegen.

Zwei Verteidiger verglichen gestern das Beweismaterial, das im Büro von Richter Manfred Seiss im Kolpinghaus gelagert war, mit einer Liste, die von der Salzburger Kriminalabteilung in Linz übergeben worden war. "Warum fehlen beweisrelevante Teile?", fragte Haslauer. "Ich habe zu Hause angerufen. Meine Frau hat nachgesehen und die Gegenstände im Keller in einem Asservaten-Raum gefunden", erklärte Muhr vor Gericht. "Das ist Beweismittelunterdrückung und Verfälschung", warf Verteidiger Peter Lechenauer dem Gutachter vor.

Die Verteidiger, die dem Sachverständigen "einen saloppen Umgang mit den Beweismittel" vorwerfen, reagierten empört: "Muhr ist nicht in der Lage, den Fall mit der erforderlichen Gewissenhaftigkeit zu bearbeiten", lautet der Vorwurf. Dass sein Verhalten laut Verteidigung gegen die Strafprozessordnung verstoße, dem konnte Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat nicht beipflichten: "Ich sehe keine Fahrlässigkeit. Es fehlen nur drei Bretter, das hat mit dem Inhalt des Gutachtens nichts zu tun!" Doch in einem privaten Keller sei eine Fremdeinwirkung nicht auszuschließen, meinte etwa Verteidiger Rene Musey.

Richter Seiss erklärte, er werde zu Beginn des nächsten Verhandlungstages kommenden Montag über den Ablehnungsantrag entscheiden. Es seien schwerwiegende Angaben erfolgt, dazu seien noch gerichtliche Erhebungen zu führen. Aus Gründen der Sicherheit ließ der Richter die Beweismittel aus seinem Büro ins Salzburger Landesgericht überstellen. Seiss: "Wie ich gehört habe, existieren mehrere Schlüssel zu diesem Zimmer."

Auf Antrag der Verteidiger wird der schwer unter Beschuss genommene Sachverständige heute noch mit zwei Beamten der Kriminalabteilung Salzburg nach Reutte in Tirol fahren, um die dort gelagerten Holzbretter und das Hydrauliköl sicherzustellen und dokumentarisch festzuhalten. Der Gerichtsgutachter sei "menschlich tief getroffen", berichtete Seiss nach einem kurzen Gespräch mit ihm vor dem Verhandlungssaal. (APA)

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