Juden in Wien: Die Gründe für eine Zerstörung

1. Oktober 2002, 18:59
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Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert - Buch mit aktuellen Forschungsergebnissen

Über die Dynamik der jüdischen Einwanderung vor allem aus Galizien nach Wien macht man sich heutzutage kaum eine Vorstellung. Und genauso wenig über das Ausmaß des Bevölkerungszuwachses überhaupt. 1857 waren 6000 von 500.000 Einwohnern Juden, rund 50 Jahre später, die Stadt war inzwischen auf über zwei Millionen gewachsen, lebten 175.000 Juden in Wien. 75 Prozent von ihnen wohnten und arbeiteten in drei Bezirken, in der Leopoldstadt, in der Inneren Stadt und am Alsergrund.

Stephen Beller, Autor des 1993 erschienen Buchs "Wien und die Juden" konzentriert sich in seinem Beitrag für den Sammelband "Eine zerstörte Kultur" auf jene statistischen Daten, die es den Antisemiten und Nationalisten erleichtert haben, ihre Kampagnen aufzubauen und jenes Klima zu erzeugen, das später mitten in den Nationalsozialismus führte.

Dazu kommen bestimmte Berufs- und Karrierenmuster. Ein Drittel der Wiener Gymnasiasten waren zu dieser Zeit aus jüdischen Familien, sechzig Prozent der Jus- und Medizinstudenten ebenfalls. Teils aus Tradition, teils aus Notwendigkeit. Juden, die nicht konvertierten, waren von der Beamtenlaufbahn ausgeschlossen, weshalb sie in den Anwaltsberuf drängten - und die Gegner sagen konnten, dieser sei "verjudet". Der Arztberuf wiederum war traditionell unter Juden sehr beliebt - mit dem Resultat, dass nicht nur Sigmund Freud, sondern auch andere Pioniere zur Metropole von "Traum und Wirklichkeit" beitrugen. Unter den Künstlern und Intellektuellen ein ähnliches Bild - erklärbar zum Teil aus dem hohen Bildungsbewusstsein der Juden, was im bürgerlichen Mittelstand zum Gefühl der Unterlegenheit und zum politischen Umschwung Richtung Lueger beitrug.

Ein zweiter zentraler Beitrag ist jener des Innsbrucker Germanisten Sigurd Paul Scheichl über "Nuancen in der Sprache der Judenfeinde". Es ist nur schwer vorstellbar, wie man als Jude in einem auch sprachlich überall spürbaren Klima der Ablehnung und Diskriminierung durchhalten konnte: entweder durch Abschottung oder durch Anpassung (Assimilierung). Bis hin zur sozialistischen Arbeiterzeitung waren die Medien Plattform der Verbreitung antisemitischer Klischees - von der "jüdischen Hochfinanz" über die "gierigen jüdischen Schmarotzer" bis zu den "internationalen jüdischen Zeitungen", die vor allem für die katholische Reichspost Hauptverantwortliche allen Unheils dieser Zeiten war. Scheichl schildert aber auch die Entwicklung der Burschenschaften, die anfangs auch Juden akzeptierten, sich aber später mit wenigen Ausnahmen in Kampfzellen des Deutschnationalismus verwandelten - mit tiefen Auswirkungen auf die Universitäten, was der Autor anhand der Entwicklung eines Briefwechsels dokumentiert.

Der Befund des Politikwissenschafters Peter Pulzer, dass der österreichische Antisemitismus eine starke Gefolgschaft im christlich-konservativen Lager hatte, macht einen Querverweis auf das jüngste Buch des US-Historikers Daniel J. Goldhagen nötig. Er weist aber herauf in unsere Zeit, weil die geringe Toleranzlatte von Teilen der Volkspartei gegenüber neo-nationalen Tendenzen nicht bagatellisiert werden darf. Dazu kommt, dass auch der Antsemitismus in Wiener Künstlerkreisen gerne unterschätzt oder überhaupt verschwiegen wird. Erleben kann man ihn in einem Theaterstück, das zuletzt in Venedig lief - in der von Paulus Manker inszenierten Revue über Alma Mahler-Werfel. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 10. 2002)

Gerhard Botz/Ivar Oxaal, Michael Pollak, Nina Scholz (Hg.): "Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert",
Wien 2002, Czernin Verlag
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