Gibt es Karzinompersönlichkeiten?

1. Oktober 2002, 09:49
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Die Betreuung von Brustkrebspatientinnen geht primär über das Gespräch

Cannes - Bei der Betreuung von Brustkrebs-Patientinnen entwickelt sich der Arzt auch zu einem Gesprächstherapeuten. "Man muss die Betroffenen gern haben und in sie hinein hören können", sagte Raimund Jakesz, der Chef der Abteilung für Allgemeine Chirurgie an der Universitätsklinik Wien. Sie werden über ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten befragt, über ihre Beziehungsprobleme und Rauchgewohnheiten.

"Die Patientinnen sollen einmal anfangen zu erzählen. Wenn kein Anreiz kommt, müssen wir nachfragen", erzählte der Arzt. Denn in einer derart kritischen Situation sei es wichtig, dass die erkrankten Frauen nach der Operation für sich selbst etwas Gutes täten. "Es ersetzt zwar nicht die Chemotherapie, aber es ist wichtig, dass die Patientin glücklich ist. Man muss sie positiv beeinflussen", sagte Jakesz.

Lebensgewohnheiten ändern

Der Mediziner rät den Frauen eine Änderung ihrer Lebensgewohnheiten, die leichtes Essen und etwas Bewegung beinhaltet. "Wenn ich frage, was meine Patientin heute gegessen hat und es kommt 'Rindschnitzel mit Nudel', dann schlage ich einmal eine Misosuppe vor", so Jakesz. Man könne sich ja den "Indianer mit Schlag" am Sonntag gönnen, die große Linie müsse stimmen. "Schon Paracelsus hat gesagt: 'Die Nahrung soll dein Heilmittel sein'", erklärte der Chirurg. "Ob es die Prognose verbessert, kann ich nicht sagen, aber wenn man zehn Kilo abnimmt, fühlt man sich wohler", meinte Jakesz. Und sich in dieser Zeit selbst zu lieben, sei wesentlich.

Unterschiedliche Typologien

Studienmäßig sei schlecht belegt, ob es eine so genannte Karzinompersönlichkeit gebe. "Ich habe Frauen als Patientinnen, die sofort kämpfen, und Frauen, die zusammen brechen", sagte der Chirurg. Jakesz machte die Beobachtung, dass sich viele seiner Patientinnen während ihrer Krankheit positiv entwickeln und ihr gesamtes Leben umkrempeln. Die "Verleugnerin" der Krankheit könne sich so zur "Kämpferin" entwickeln und erst durch die Krankheit entdecken, was glückliches Leben heißt. "So etwas nenne ich die weibliche Spiritualität", so der Arzt. "Es ist heute eine andere Auseinandersetzung mit Krebs."

Vermehrte Früherkennung

Durch die veränderte Auseinandersetzung und das größere Bewusstsein für Brustkrebs gebe es eine vermehrte Früherkennung. "Das bedeutet bessere Operationsmöglichkeiten, bei der die Brust erhalten werden kann, und eine bessere Nachbehandlung", erläuterte Jakesz. Die Mammografie (Röntgenuntersuchung der Brust, Anm.) sei ab 35 Jahren ein nicht wegzudenkender Faktor der Früherkennung. "Bei familiärer Belastung wird ab 30 Jahren kontrolliert, in bestimmten Situationen ist eine Magnetresonanz nötig", sagte der Mediziner. (APA)

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    Kopf aus Frottee, der in einem Käfig liegt - Eine Arbeit der französischen Künstlerin Louise Bourgeois.
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