"Man kann doch Leute nicht so auf die Straße setzen"

2. Oktober 2002, 10:41
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Aus Furcht, aus der Betreuung zu fallen, setzten junge Kosovaren am Dienstag in Traiskirchen ihren Sitzstreik fort

Traiskirchen - Skender Lokaj erblickt eine Chance. Das Auge der Öffentlichkeit - sprich: ein Journalistenteam - wendet ihm seine Aufmerksamkeit zu. Ihm und seinen 370 Landsleuten aus dem Kosovo, die sich am Montag noch auf dem Gelände der Betreuungsstelle Traiskirchen - im Volksmund "Flüchtlingslager" genannt - befanden.

"Wir dachten, dass wir in Österreich Asyl kriegen. Und Arbeit, weil daheim gibt es keine Jobs. Dass wir hier leben können wie alle Menschen auch. Zu Hause hat es geheißen, dass das noch bis Ende September geht", erzählt Lo_kaj in eine Kameralinse hinein. In fließendem Deutsch: Der junge Mann war Kriegsflüchtling in Deutschland, bis er im Jahr 2000 "zum Wiederaufbau" in den Kosovo zurückkehrte.

Nun ist er Wortführer auf dem Parkplatz der einstigen k. u. k. Kadettenschule, bekommt auf Albanisch halblaut Stichworte zugeraunt. Aus einem Pulk junger Männer in Jeans und Trainingshosen, sie umringen ihn stehend, während sich im Hintergrund, auf dem Parkplatzbeton, 200 weitere Kosovaren richtig niedergelassen haben: Sitzstreik.

"Man kann doch Leute nicht so auf die Straße setzen", findet der Interviewte. Sein Ton ist leicht fragend. In der Hand hält er eine amtliche Bestätigung: Am 30. 9., so steht da, sei er "von der Betreuungsstelle Traiskirchen abgemeldet" worden. Ein zweiter Zettel erteilt ihm den Rat, "in Ihr Heimatland zurückzukehren". Das entspricht der neuen Innenministeriumsrichtlinie, die seit 1. Oktober gilt. Lokaj entschlossen: "Sie müssen eine Lösung für uns finden!"

Letzteres ist in Richtung Franz Schabhüttl gesagt, dem Referatsleiter für Dienstleistungen in der Betreuungsstelle. Er beobachtet den Menschenauflauf aus zehn Meter Entfernung, blass, mit verschränkten Armen. So einen Sitzstreik habe er in Traiskirchen noch nie erlebt, wird er später in der Stockbettenwüste des 84-Personen-Schlafsaals in der Traiskirchener Notaufnahmestelle erzählen.

Keine Chance auf Asyl

Der Saal ist menschenleer: Die jungen Kosovaren draußen auf dem Parkplatz setzen ihre Protestaktion fort. 2500 von ihnen seien in den vergangenen drei Monaten als Asylwerber nach Traiskirchen gekommen, rechnet Schabhüttl zusammen. Menschen, die - laut Auskunft aus dem Innenministerium - keinerlei Chance auf positive Erledigung ihres Asylantrags hätten. Weil wirtschaftliche Not im Herkunftsland eben kein ausreichender Fluchtgrund ist, nirgendwo in der EU.

Ihr Asylverfahren wird dennoch abgewickelt. Nach den Buchstaben des - vor dem Platzen der Bundesregierung nicht mehr wie geplant novellierten - Asylgesetzes. Wenn in vielen Fällen auch ohne Anspruch auf Unterbringung und Versorgung: eine Härte, die laut Katharina Ammann von der evangelischen Flüchtlingsberatungsstelle in Traiskirchen "aber nicht nur die belastbareren jungen Männer trifft. Am Dienstag zum Beispiel wurde eine Kosovarin von der Betreuungsstelle auf die Straße gesetzt. Mitsamt ihren zwei Kindern." (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2002)

  • Bei den Asylwerbern
im "Flüchtlingslager"
Traiskirchen schwankt
die Stimmung
zwischen Verzweiflung
und Hoffnung
    foto: standard/cremmer

    Bei den Asylwerbern im "Flüchtlingslager" Traiskirchen schwankt die Stimmung zwischen Verzweiflung und Hoffnung

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