"Causa Bobetko" in Kroatien: Front gegen Auslieferung bröckelt

1. Oktober 2002, 10:38
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Laut Umfrage bereits 15 Prozent für Überstellung nach Den Haag

Zagreb - In Kroatien beginnt die Front gegen eine Auslieferung von Ex-Generalstabschefs Janko Bobetko an das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen zu bröckeln. Nach Umfragen des kroatischen Fernsehens (HTV) von Montagabend sind bereits 15 Prozent der Bevölkerung der Ansicht, der 82-Jährige solle nach Den Haag überstellt werden. Vor einer Wochen waren gerade sieben Prozent der Kroaten dieser Ansicht gewesen.

Nachdem bekannt geworden war, dass das UNO-Tribunal gegen Bobetko Anklage erhoben hatte, war es in der kroatischen Gesellschaft über alle Parteigrenzen hinweg zu einer kollektiven Abwehrreaktion gekommen. Die Abgeordneten des Parlaments lehnten eine Auslieferung des früheren Armeechefs am Freitag einhellig ab. Vorübergehend hatte es so ausgesehen, als würde auch die Vier-Parteien-Regierung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Ivica Racan wegen dieser Frage erheblich unter Druck geraten.

Kriegsverbrechen

Nach der ersten Aufregung entstand in den vergangenen Tagen durch Medienberichte aber auch der Eindruck, dass Bobetko jeden seiner Weggefährten opfern würde, um seine eigene Haut zu retten. So bezichtigte er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Globus" die Generäle Petar Stipetic, Imra Agotic und Davor Domazet während der Operation "Tasche von Medak" Kriegsverbrechen begangen zu haben. "Sie haben mir gesagt, dass sich die Truppen ohne Zwischenfälle zurückgezogen hätten und dann kamen die Anklagen", wurde Bobetko in "Globus" zitiert.

Agotic, der während des Krieges mit Serbien Chef der Kroatischen Luftwaffe war, wurde von Bobetko beschuldigt, während der Aktion "Sturm" zur Rückeroberung der von aufständischen Serben okkupierten Krajina eine Autokolonne bombardiert zu haben. "Da sind Zivilisten zu Schaden gekommen." Nachdem alle drei Militärs die Anschuldigungen Bobetkos zurückgewiesen hatten, distanzierte sich Bobetko von dem Interview. Er erklärte, er sei falsch wiedergegeben worden und habe das Interview nicht autorisiert. Die Zeitschrift verwehrte sich gegen diese Vorwürfe und kündigte an, nötigenfalls die Mitschnitte des Gesprächs zu veröffentlichen.

Bei der Operation "Tasche von Medak" ging die Armee Kroatiens 1993 gegen Verbände der sezessionistischen "Serbischen Republik Krajina" (RSK) vor. Konkret sollte der Belagerungsring rund um Gospic gesprengt werden. Von der "Tasche" aus, einem rund zwanzig Quadratkilometer großen ländlichen Gebiet in der nördlichen Krajina, hatte die serbische Artillerie Gospic unter Beschuss gehalten.

Laut Anklage wurden dabei mindestens hundert Serben getötet, darunter 29 Zivilisten. Zagreb stellt nicht in Abrede, dass im Raum Medak Verbrechen verübt wurden. Die Operation wird aber als "legitime Operation zur Befreiung eines von aufständischen Soldaten und Terroristen besetzten Gebietes" bezeichnet. Verbrechen seien vor allem nach Abzug der regulären Truppen von Freischärlern begangen worden. (APA)

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    Die Symphatiewerte unter der Bevölkerung Kroatiens für den ehemaligen Generalstabchef beginnen zu bröckeln.

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