Stimmen aus dem Off

30. September 2002, 19:16
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Auditive Halluzinationen im Film - Auseinandersetzung mit Schizophrenie erfuhr in den letzten Jahren Hochkonjunktur

Seit nun mehr als einem halben Jahrzehnt erfahren abseits vom cineastischen Mittel der Kopfstimme die Darstellung von "Stimmen hören" so wie das Reizthema Schizophrenie eine Hausse in Hollywood und World Cinema. Lars von Triers "Breaking the Waves" setzte 1996 den Beginn einer Serie gipfelnd in Ron Howards 4-fach Oscar gekrönten "A Beautiful Mind" 2001. Über "Gehörte Stimmen" zwischen Inszenierung, Wahrnehmung und den Stand der Wissenschaft forschte Birgit Dorninger für ihre Diplomarbeit.

Schizophrenie-Mania im Film

Ob an Hand von monologischen Schachtelthrillern wie "Memento" von Christopher Nolan (00) oder der Dogma'95-Variation von Harmony Korines "Julien Donkey Boy" - Auseinandersetzung mit Schizophrenie erfuhr in den letzten Jahren quer durch alle Genres stete Hochkonjunktur. Portätierungen des Phänomens "Stimmen Hören" nehmen dabei zentrale Bedeutung ein, wie beim diesjährigen Anwärter für den deutschen Filmpreis "Das weiße Rauschen" des Österreichers Hans Weingartner. Aber auch abseits von Schizophrenie und dem Umkreis der Psychopathologie wird die Thematik nämlich als Gesundenerscheinung, sei es Trauerbewältigung oder innerer Dialog, ganz der Forschung entsprechend öffentlich beleuchtet.

Filmproduktionen - Forschungspositionen

Internationale Filmproduktionen wie die vier von der Forscherin untersuchten spiegeln dabei ein tatsächliches Gefälle bei Diagnosemaßstäben in Psychologie und Medizin wider. Bewusst oder nicht, Filme der letzten sechs Jahre reflektieren eine Debatte in der Forschung über Grenzen zwischen Krankheitsbildern und Normalität -dabei am Häufigsten: Trauerdialoge.

Die Professoren Schuchter und Zisook der Universität Chicago zählen vermeintliche Stimmen aus dem Jenseits zu einer von 6 Dimensionen von Hinterbliebenentrauer. Für eine Studie des Journals of Clinical Geropsychology gaben 82% von 50 von der Psychologin Grimby befragten Untersuchten Dialoge mit Verstorbenen an. Aber nicht nur vergleichsweise unrepräsentative Pannels wie dieses zeichnen das Bild von "Stimmen Hören" als relativem Massenvorkommnis quasi als "normalen" Lapsus - unabhängig von psychopathologischen Schizophrenienähen, hypnagogischen Trance-Erfahrungen oder transzendentalen Begegnungen.

Halluzinationen - Das Geheimnis von Nimh

Stimmen Hören kann vor allem nach zwei Riesenstudien nicht mehr ausschließlich mit Schizophrenie assoziiert werden. Ein Vergleich mit den laut WHO-Bericht 2001 etwa 24 Millionen wirklich an Schizophrenie Leidenden - der Vielen im Alltag so schnell zur Hand ist - ist bewiesenermaßen nicht zulässig. Eine der ersten, noch etwas dubios anmutenden Studien widmete sich telepathischen Phänomenen. Sie wurde 1894 von Sidgewick, Johnson, Myers et. al. an über 17.000 Probanden durchgeführt. 9,9 % aller Untersuchten gaben hierbei Halluzinationen verbaler oder visueller Natur zu Protokoll. Eklatanter die Ergebnisse der etwas rezenteren Studie von 1980 bis 1984 des NIMH "Epidemiologic Catchment Area Programm" ECA an zunächst 18.500, ein Jahr später an weiteren 15.300 "Gesunden": 13% gaben Halluzinationen an, 4,3% auditive.

Halluzinierende Colleges

NIMHs ECA-Auswertungen ergaben weiters, dass die Rate für visuelle wie auditive Halluzinationen am höchsten in der Altersgruppe der 20 bis 29-jährigen lag. Diese Ergebnisse decken sich auch mit einer beinahe zeitgleich an einem Sample von Collegestudenten durchgeführten Studie:1983 erschien die Studie von Posey und Losch über auditive Halluzinationen mit erstaunlichen Ergebnissen. 71% aller Befragten gaben an, bereits einmal Sinnestrugerfahrungen gemacht zu haben. Details über die Frequenz solcher Wahrnehmungstäuschungen ergab die Nachfolgestudie von Barett und Etheridge im Jahr 1992: 64% der 586 Studierenden gab an, den eigenen Namen zwischen 1 x jährlich und 1 x alle 6 Monate fälschlicherweise in einem Geschäft zu "hören". 37 % gaben an, eigene Gedanken monatlich laut zu hören, womit sie bereits einem der internationalen Diagnosekriterien FRS also immerhin ICD-10 genügen würden.

Zur Klassifikation von Schizophrenie

ICD-10 - Classification of Mental Behavioural Disorders- von der WHO 1992 als Kodex herausgegeben, stützt sich zum Teil auf eine der beiden Diagnoseschulen von Schizophrenie. Während in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts als Diagnosekriterien vor allem ("negative") Defizitsymptome bei Emotion und Kognition nach Kraeplin und Bleuler dominierten, änderte sich dies ab den 50er Jahren hin zu den First Rank-Symptomen Karl Schneiders, der eine Identifizierung auf Grund von "positiven" Symptomen zu ermitteln suchte. Unter Karl Schneiders FRS-Diagnosekriterien finden sich auch verbale Halluzinationen.

Das weiße Rauschen

Dass man 37% einer Hochschule kaum als schizothym deklarieren kann, scheint evident. Auch sind Drogenraten von dieser Größenordnung selbst in den USA der frühen 90er Jahren nicht mehr als eine haltlose, selber halluzinierende Unterstellung. Richtungsstreitereien über Demarkationsgrenzen zwischen Krankheitsbildern und individuellen, psychologischen Phänomenen, unterschiedliche Positionen für deren Ursachen (von Freud bis Bentall & Slade) sind in der Übersicht Dorningers Arbeit zu entnehmen. Mehr noch spannt die Arbeit den Bogen zu Untersuchungen über deren filmische Porträtierung sowie per Membership Categorization Analysis deren Perzeption - von David Finchers "Fight Club" (1999) bis zu Shyamalans oscargekröntem "Sixth Sense" (2000).

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Die Autorin:

Mag. Birgit Dorninger studierte von 1996 bis 2002 Psychologie an der Universität Wien mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie. Ihre Diplomarbeit "Voices in Films" - thematisch angeregt durch ein Praktikum am OWS Baumgartner Höhe - verfasste sie an der University of Manchester, GB. Im Moment befindet sie sich in Ausbildung zur Klinischen und Gesundheits- Psychologin.

Rezension von Oliver Gingrich
  • Bild nicht mehr verfügbar

    "I see dead people ..." - Szenenfoto aus "Sixth Sense"

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