Die Kleindarstellungsdienstleister

30. September 2002, 21:54
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Das bittere Brot der Komödie: Jones' "Steine in den Taschen" im Wiener Volkstheater

Wien - Über den entsagungsvollen Leben der Kleindarsteller, die sich gegen geringes Entgelt als Statisten abmühen, die sich im Film wie auf der Bühne als "Bäume" verdingen, die in malerischen Gruppen zusammenstehen und "Rhabarber" murmeln, schwebt, wie eine unsichtbare Rauchfahne, die Ruhmsucht.

Eine zweite Spezies ist der eben beschriebenen sozusagen naturhaft entsprossen. Die mittleren Darsteller, bei denen man zumeist schon von Ausdruckskünstlern sprechen kann, arbeiten in selbstloser Weise den Protagonisten zu.

Und so greifen die Rädchen im Darstellungsgewerbe fröhlich ineinander, denn kein Hamlet will auf seinen Horatio verzichten, der während der berühmten Geistererscheinung auf Helsingör wiederum eines Wächters bedarf, und so fort - wenn nicht gerade im Wiener Volkstheater die schauspielerischen Kategorien in die schändlichste Verwirrung geraten wären.
Denn von dem Zwei-Personen-Stück Steine in den Taschen der Irin Marie Jones ließe sich immerhin sagen: Hier müssen zwei Proletarier vor der archaischen Kulisse eines irischen Küstenortes zwei Filmstatisten vorstellen, die ihre vorderhand gescheiterten Leben auf einem Filmset zwischenlagern.

Zugleich spielen die beiden, in einem witzig gemeinten Clash der Kulturen, sämtliche andere Figuren, die ihnen auf dem Set begegnen: den Regieassistent als Leuteschinder; das Skriptgirl, das sich in der Hierarchie hochschläft; den weich gesoffenen, brummigen alten Iren; einen jungen Drogenpunk, der das Dorf mit seinem Kaltwassersuizid in Aufruhr versetzt et cetera. Das alles hat der verehrungswürdige Harry Rowohlt so lapidar übersetzt, als müsste er sich die wohlverdiente Pinte Starkbier zwischenfinanzieren - und ein honoriges Stadttheater erhält die Gelegenheit, zwei Darstellern deren Treue zum Haus mit Kostümierungsfutter zu entgelten.
Nur wird so viel Gunstbeweis leider schlecht entgolten. Die Herren Fritz Hammel und Günter Franzmeier hüpfen als Lebenskünstler Charlie und Jake ohne Anlauf von einer Rolle in die nächste; der pfiffige Kleine mit dem meckernden Spaßmachergrinsen (Hammel) und der schlaksige Große mit der Windhundtrauermiene (Franzmeier) - zwei wie Pech und Schwefel, wie Torf und Malzgeschmack.

Sie vermasseln im fliegenden Figurenwechsel jeden zweiten Übergang. Sie stellen sich, wippen und motzen gegen alle Angebote des Textes, während hinter ihnen, auf steil abfallender Kante vor einem Himmelsdreieck, 14 Paar Schuhe stehen (Bühne: Doris Grossi und Frédéric Lion). Vielleicht kamen Wladimir und Estragon ja bis nach Westirland, wer weiß?
Angeblich inszeniert hat diese trostlose Etüde Frédéric Lion. Noch etwas: Es spielt noch keine Frau, wer meint, er müsse mit dem Gesäß wackeln oder die Beine zusammenpressen, kaum dass er auf freier Flur steht. Harndrang kennt keine Geschlechterpräferenz. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2002)

Von Ronald Pohl
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    Fritz Hammel als Charlie Gonlon (li.) und Guenter Franzmeier als Jake Quinn (re.) in Marie Jones "Steine in den Taschen"

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