"Wie in einem Druckkochtopf auf dem Feuer"

30. September 2002, 18:51
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Der palästinensische Anwalt Sourani fürchtet, dass der Konflikt an Härte noch zunehmen kann - die Palästinenser hätten nichts mehr zu verlieren

Wien - Der palästinensische Anwalt Raji Sourani, der am Freitag in Wien für das Palestinian Centre for Human Rights in Gaza den Menschenrechtspreis der Bruno-Kreisky-Stiftung entgegengenommen hat, erkennt keinen Weg aus der derzeitigen katastrophalen Situation im Nahen Osten. Im Gegenteil, er sieht die Möglichkeit einer weiteren Eskalation, wenn Israels Premier Ariel Sharon den Gazastreifen wieder komplett besetzen lässt, wie dies nach dem letzten Selbstmordattentat in Tel Aviv im Raum stand. "They love to die", sagt Sourani auf die Frage des Standard, ob mit Widerstand der Palästinenser zu rechnen sei. "Sie wünschen sich den Tod, sie haben nichts mehr zu verlieren, deshalb wollen sie die Konfrontation." Und die Israelis werden dann noch härter zurückschlagen.

Sourani ist davon überzeugt, dass die Palästinenser im Gazastreifen von Sharon bewusst "wie in einem Druckkochtopf auf dem Feuer" gehalten werden - eine Rückkehr zu Verhandlungen soll aus ideologischen Gründen verhindert werden. Eine Sicherheitsphilosophie dahinter sieht er nicht: "Wenn ich auf dem Dach meines Hauses stehe und sehe, was da alles beschossen wird, weiß ich, es gibt keine." Deshalb, so Sourani, wünsche die israelische Regierung so sehr den Krieg gegen den Irak, weil dann die letzten, ihr von Washington auferlegten Beschränkungen in ihrem Agieren gegen die Palästinenser fallen werden.

Dass es für die israelische und teilweise internationale öffentliche Meinung einen "guten Grund" für das israelische Vorgehen gibt, nämlich den palästinensischen Terrorismus, will Sourani so nicht gelten lassen. Das sei kafkaesk, das dauernde Umdrehen von Ursache und Wirkung. Und auch unter der Besetzung gebe es übrigens verbindliche Regeln für Schutz und Behandlung von Zivilisten, sagt der Anwalt, der schon von Israel und Palästinenserbehörde gleichermaßen ins Gefängnis gebracht wurde. Die Weltöffentlichkeit bräuchte auch gar nicht auf eine palästinensische Organisation wie die seine zu hören, es gebe genug israelische und internationale, die das genauso sähen.

Gegen Terrorismus gebe es nur eines: eine Verbesserung der Lebensverhältnisse, die sich fast mit dem ersten Tag des Oslo-Friedensprozesses "durch die Errichtung eines Apartheid-Systems" verschlechtert hätten. Heute liegt im Gazastreifen die Armutsquote bei 81, die Arbeitslosigkeit bei 70 Prozent.

Aufmerksam gemacht auf das Bedrohungsgefühl in Israel, die Überzeugung, dass die allermeisten Palästinenser "die Juden ins Meer treiben" wollen, verweist Sourani auf den großen Enthusiasmus, mit dem der Friedensprozess Anfang der Neunzigerjahre begrüßt wurde. Damals hätten Hamas, Djihad, PFLP und DLFP versucht, einen Generalstreik in den Palästinensergebieten durchzusetzen - ihr Aufruf wurde völlig ignoriert. Aber dass sich die Palästinenser zehn Jahre später gegen den "großen Betrug" wehren, sei auch klar.

Er, Sourani, habe damals sofort mit großer Skepsis vermerkt, dass in den Oslo-Verträgen kein Wort über Menschenrechte stand. Sourani sieht mit großer Sorge die Entwicklung der palästinensischen Gesellschaft, er erzählt, wie seine achtjährigen Kinder plötzlich keinen Kontakt mehr zu einer guten Freundin der Familie, einer israelischen Anwältin, wollten und ihn aufforderten, sich eine Waffe zuzulegen, um sie zu beschützen. "Und meine Kinder gehören zu den Glücklichen, was glauben Sie, was da in anderen Familien los ist?"

Von den Reformplänen in der Palästinenserregierung hält er unter den gegebenen Umständen nicht viel. Beispiel eine funktionierende unabhängige Justiz: nicht machbar, wenn Staatsanwälte, Richter und Anwälte sich nicht einmal zwischen den palästinensischen Städten bewegen könnten. Und wenn ein palästinensischer Prozess völlig unfair und rechtswidrig verlaufe, dann rege sich Israel bestimmt nicht auf, wenn nur das Ergebnis nach seinem Geschmack ausfalle. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2002)

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