Der Mann, der mit der Wahrheit schießt

1. Oktober 2002, 13:35
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Für Reportagen schlüpfte er in dutzende Rollen und korrigierte damit die Geschichtsschreibung: Günter Wallraff wird Sechzig

Wandelbar wie die Wirklichkeit, schlüpfte er in Dutzende Rollen, um von der Innenwelt der Arbeitswelt zu berichten. Günter Wallraffs Reportagen korrigierten die deutsche Geschichtsschreibung. Am 1. Oktober wird der Autor 60.


Wien - Die Uniform, das Uniforme passte ihm nicht. Weshalb die Deutsche Bundeswehr dem "Zersetzer", der kein Schütze sein wollte und also kein Gewehr anrührte, nach gründlicher Beobachtung im psychiatrischen Lazarett "eine abnorme Persönlichkeit" nachwies, für den Militärdienst "verwendungsunfähig auf Dauer".

Entlassen, griff die "abnorme Persönlichkeit" Günter Wallraff erstmals zur Waffe, zielte ... Und traf. Mein Tagebuch aus der Bundeswehr hat bis heute Pflichtstatus unter Zwanzigjährigen und schulte das Verhalten nicht nur einer Generation. Wallraff selbst aber hatte die Bundeswehr, ihrer didaktischen Mission entsprechend, den Weg gewiesen: Der Beobachtungsposten im Abseits war bezogen. Von dort konnte er die normierte gesellschaftliche Wirklichkeit studieren.

Den Alltag am Fließband, auf der Werft, im Akkord. Die faktische Realität, die dunkle Vergangenheit, die Zahlen hinter den Hochglanzprospekten deutscher Unternehmen, von Thyssen bis Melitta, von Henkel zu Siemens, protokollierte Günter Wallraff in seinen Rollen-Reportagen. Für deren Recherchen streifte er sich das Kleid der Norm kurzfristig, als ein Fremdes, über.

Während der Arbeiter Wallraff mit seinen Kollegen im blauen Kittel Staub schluckte, recherchierte der Intellektuelle präziseste Daten zur jeweiligen Firmengeschichte, zu Bilanzen und NS-Vergangenheit. Veröffentlicht wurde das hochexplosive Material in einer Sprache, die in ihrer Klarheit und ihrer journalistischen Komposition Tausende von Lesern erreichte. Wallraffs Realkrimis lesen sich bis heute spannender als ihre Fiction-Doppelgänger und erreichen Auflagenzahlen deutlich jenseits der Millionengrenze. Auch klingen die Namen der Bösewichter vertrauter:

Bekannte Bösewichter

Krupp, Oetker oder Bild. Mit dem Springer-Blatt hatte sich Der Mann, der bei Bild Hans Esser war 1977 seinen mächtigsten Gegner erkoren. Vier Monate lang arbeitete er in der Hannoverschen Lokalredaktion, um anschließend seine Erlebnisse - von harmlosen Medizinstudenten, die Bild zu blutsaugenden Vampiren umdichtete, von nächtlichen Scharfschützenspielen beim Vorgesetzten - in Bild-geschulter Wirkungssicherheit zu Papier zu bringen.

Der Schuss saß. Und behielt Gültigkeit. Vier Jahre später verlor Bild, wie alle Goliaths, den Prozess gegen den David Wallraff. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe rügte zwar dessen Einschleichen unter falscher Identität, sah es aber unter übergeordneten Gesichtspunkten gerechtfertigt, da so "Fehlentwicklungen eines Journalismus" aufgezeigt worden waren.

Momentan sieht es so aus, als seien Wallraffs Methoden pure Geschichte. Journalistische Hieroglyphen einer Zeit, in der er in genialer Montage gemeinsam mit Bernt Engelmann den Seitenblicke-Bildern der Highsociety die Realität zur Seite stellte, aus der jene ihren Reichtum bezog (Ihr da oben - wir da unten). Jener Zeit nach ’68, in der die Literatur auszog, wie schon während der Weimarer Republik, aus der Innenwelt der Arbeitswelt zu berichten. In der auch Autoren wie Max von der Grün oder F. C. Delius hinter die Fassaden blickten. Einer Zeit, in der Literatur und Journalismus ernsthaft daran glaubten, die Welt verändern zu können.

Wallraff hat sie ein Stück weit verändert. Und tut es noch heute. Momentan sei der Vater von fünf Töchtern in Afghanistan, um dort aus privaten Geldern eine Mädchenschule zu finanzieren, hieß es bei seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch. Nur Arbeit in Industriebetrieben findet er nun keine mehr. Günter Wallraff wird heute sechzig. Bleibt nur mit Heinrich Böll zu wünschen: "Schafft fünf, sechs, schafft ein Dutzend Wallraffs." (DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2002)

Von Cornelia Niedermeier
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    Günter Wallraff

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