Vranitzky: Große Koalition soll Haider verhindern

30. September 2002, 14:57
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"Vranz" wird 65 - Rückzug aus der Politik endgültig

Wien - "Nach langem Nachdenken bin ich zur Auffassung gekommen, dass eine Koalition aus SPÖ und ÖVP eine Lösung für eine gewissen Zeit, aber nicht auf Dauer ist." Dieser Satz, im April 2001 aus dem Mund von Franz Vranitzky, mutet seltsam an, stand er doch zehn Jahre lang an der Spitze einer solchen Regierungskonstellation. Aber, so Vranitzky, diese Große Koalition sei kein Fehler gewesen, denn es galt, die Alternative - eine Regierung mit Jörg Haider - zu verhindern. Und das war immer Vranitzkys oberstes Anliegen. Am 4. Oktober feiert der ehemalige Finanzminister und spätere Kanzler seinen 65. Geburtstag.

Auf der Haben-Seite seiner Regierungsarbeit steht der Kurswechsel der SPÖ in Sachen EU-Beitritt, der Anfang einer geschichtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich, der Beginn eines klaren Verhältnisses zwischen Österreich und Israel.

Auf der Soll-Seite finden sich Wahlniederlagen, der Abstieg der SPÖ von einer Groß- zu einer Mittelpartei. Bei den Bundespräsidentenwahlen 1992 scheiterte Vranitzkys Kandidat Rudolf Streicher, die Nationalratswahl vom Oktober 1994 und die EU-Wahl zwei Jahre später brachten der SPÖ herbe Verluste. Vranitzky wurde vorgeworfen, Entscheidungen zu lange hinaus zu zögern, die Basis reagierte unzufrieden.

Vranitzky erkannte die Zeichen und bereitete seinen Rückzug aus der Politik vor. Nach dem Mitte Jänner 1997 erfolgten Verkauf der Bundesanteile der CA an die Bank Austria stand für ihn fest, die heimische Innenpolitik zu verlassen. Am 28. Jänner 1997 fand die Amtsübergabe an Bundeskanzler Viktor Klima statt. Am 4. März 1997 übernahm Vranitzky die Funktion eines OSZE-Sonderbeauftragen für Albanien.

Das Angebot, bei der Wahl im Frühjahr 2004 Präsidentschaftskandidat der SPÖ zu werden, lehnte Vranitzky im Juli des heurigen Jahres ab. Sein Rückzug sei beschlossen, meinte er nach einer längeren Nachdenkphase. Der SPÖ riet er übrigens kürzlich, ihren Vorsitzenden "nicht allein schwimmen zulassen" und forderte "noch ein paar Umdrehungen an der Aktivitätsschraube".

Am 4. Oktober 1937 in Wien geboren, studierte Vranitzky an der Hochschule für Welthandel, 1969 erwarb er - bereits als Berufstätiger - das Doktorat der Handelswissenschaften. Seine Berufslaufbahn begann er im Rechnungswesen der Firma Siemens-Schuckert. Ende 1961 arbeitete er neun Jahre lang in der Nationalbank, dann wurde er in den Beraterkreis des damaligen Finanzministers Hannes Androsch berufen. Der Grundstein für die Karriere war gelegt.

Im Juli 1976 kam Vranitzky als Generaldirektor-Stellvertreter in die Creditanstalt, im Februar 1981 übersiedelte er als Generaldirektor zur Länderbank. Am 10. September 1984 wurde Vranitzky Finanzminister. Nach der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten übernahm er am 16. Juni 1986 das Kanzleramt von Fred Sinowatz an der Spitze einer Kleinen Koalition mit der FPÖ. Der Wechsel an der FPÖ-Spitze von Norbert Steger zu Haider Mitte September 1986 veranlasste Vranitzky zu vorzeitigen Neuwahlen am 23. November 1986. Die Große Koalition war klar, um Details wurde gerungen. Das wichtige Außenministerium ging zum Leidwesen der SPÖ an die ÖVP. Im Mai 1988 wurde Vranitzky SPÖ-Chef, ein Jahr später Vizepräsident der Sozialistischen Internationale.

Vranitzky ist mit Frau Christine verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Zu Ehren seines Geburtstages veranstalten SPÖ und Renner-Institut am 11. Oktober eine Symposium "EU - Zwischen Globalisierung und Re-Nationalisierung". (APA)

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    Franz Vranitzky mit Alfred Gusenbauer

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