Burgenlands Politik entdeckt die Roma

29. September 2002, 21:42
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In Oberwart werden zum ersten Mal Roma als Stimmbürger umworben

Oberwart/Felsöör/Erba - Veränderungen kommen unmerklich, und abzulesen sind sie zumeist an im Grunde lächerlichen Zeichen. An zwei Plakatständern etwa, wie sie jetzt zu Tausenden herumstehen in den burgenländischen Dörfern. Das eine, oben beim Wasserreservoir, zeigt das Konterfei des Vizebürgermeisters Gerhard Pongracz (SP). Unten, direkt vor der Siedlung, steht Bürgermeister Karl Volcic (VP). Ein Ereignis!

Hier, hinterm alten Oberwarter Krankenhaus, in der abseits gelegenen Siedlung, in der 1995 vier Menschen ermordet wurden, weil sie Roma waren, ist noch nie ein Wahlplakat platziert gewesen. Nach 1995 aber ist die nunmehr sanierte, wenn auch immer noch barackenmäßige Siedlung zumindest mental ein Stück Richtung Oberwart, Richtung Erba, gerückt. Und das wieder hat zur selbstverständlichen Folge, dass die Ortspolitiker auch um die knapp 70 Wahlberechtigten hier heraußen buhlen. "Mein Enkerl", erzählt Stefan Horvath, "ist auf einmal gekommen und hat gesagt: Schau Opa, da draußen steht der Bürgermeister. Und hinten ist er auch drauf." Eine Premiere!

Stefan Horvath ist Obmann der 1999 gegründeten "Volkshochschule der burgenländischen Roma", die sich vor allem der zwei wesentlichen Defizite der Volksgruppe annimmt: "Die Bildung und das Selbstbewusstsein." Für die Ausstellung "Roma 2000", eine umfassende Kulturdokumentation der Roma im Burgenland, wurde unlängst der Initiator, Horst Horvath, von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer mit dem Förderungspreis für Erwachsenenbildung ausgezeichnet. "Viele, auch hohe Landespolitiker, haben mir dazu gratuliert. Ich nehme diese Gratulation als ein Zeichen dafür, dass das Burgenland sich seiner Roma mehr und mehr bewusst wird. Und das zeigt, dass unsere Arbeit in der Volkshochschule, aber auch die im 1993 gegründeten Roma-Verein zu greifen beginnt."

Die Idee zur Ausstellung stamme ja daher, dass die Landesausstellung 2000 mit dem Titel "Vom Kult der Gewalt zur Kultur des Friedens" die Situation der Minderheiten, insbesondere der Roma, nicht einmal gestreift habe.

Im Wahlkampf, versichert Bürgermeister Karl Volcic, der zu Jahresbeginn den langjährigen Stadtchef Michael Racz abgelöst hat, "sind die Roma kein Thema, weil sie auch kein Problem sind". Ganz, widerspricht sein Herausforderer Gerhard Pongracz, stimme das nicht. Zwar seien sie tatsächlich "kein Problem", allerdings hätten sie durchaus welche. Und deshalb begnüge er sich nicht mit dem Aufstellen von Plakaten. In dieser Woche "werde ich hinausfahren und mir ihre Anliegen anhören".

Wieder eine Premiere. "Bei uns", erzählt Stefan Horvath, "hat sich noch nie ein Stadtpolitiker anschauen lassen." Genau das aber wünsche er sich, alle seien willkommen. "Nur der Karl Schweitzer nicht."

Immer noch ist nicht vergessen, dass der FP-Gemeinderat es gewesen sei, der Jörg Haider dazu inspiriert habe, den Mordanschlag als interne Schießerei zwischen Drogenhändlern darzustellen. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

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