Amira Hass, "Ha'aretz"-Reporterin, erhielt den Kreisky-Menschenrechtspreis.

30. September 2002, 17:47
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Grenzgängerin zwischen Israel und Palästina

Die israelische Tageszeitung Ha'aretz ist in einer seltsamen Situation. Sie hat da eine Reporterin, die internationale Preise am laufenden Band einheimst - soeben den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis in Wien -, die das Blatt aber gleichzeitig Leser kostet: Mit Abonnementabbestellungen und Druck jeder möglichen Art, der auch von außerhalb Israels kommt, soll Ha'aretz gezwungen werden, sich von Amira Hass zu trennen.

Die 46-jährige Israelin lebt in Ramallah, auf der Seite des Feindes also, und berichtet als Reporterin von dort - wofür sie in täglichen, oft mit "Heil Hitler" gezeichneten Hate-Mails und -Briefen als "Verräterin" und "Hure der Araber" bezeichnet wird.

Dass sie "gegen die Besatzung" schreibt, indem sie das Leben in den besetzten Gebieten schildert, gibt Hass nur zu gerne zu, bestreitet aber, dass das mit Schreiben "gegen Israel" gleichgesetzt werden darf, denn die Besatzung schädige Israel genauso wie die Palästinenser. Und falls sie denn tatsächlich indirekt "für die Palästinenser" schreibt, so inkludieren ihre Sympathie und ihr Mitleid keinesfalls deren Führung. Palästinenserchef Yassir Arafat hat Amira Hass bereits einmal mit dem Umbringen bedrohen lassen, als sie über Machenschaften seiner Behörde schrieb. Er hat ihr auch nie wie anderen israelischen Medien ein Interview gegeben.

Hass wurde der Gerechtigkeitssinn in die Wiege gelegt: Ihre Eltern, Holocaust-Überlebende aus Rumänien und Bosnien, lehnten es nach ihrer Einwanderung nach Israel ab, in einem Haus zu leben, das vorher Palästinensern gehört hatte. Die glühenden Kommunisten unterstützten ihre Tochter, als sie eine Hotline für palästinensische Arbeiter in Israel, die von ihren Arbeitnehmern übervorteilt wurden, aufzog. Während des Golfkriegs kam sie zum ersten Mal in den Gazastreifen, wohin sie zum Entsetzen ihrer israelischen Freunde 1993 ganz übersiedelte, bevor sie später ins Westjordanland zog.

Zum Journalismus kam die Studienabbrecherin über einen Job im Korrektorat der Ha'aretz, mittlerweile hat sie auch ein Buch geschrieben: "Drinking the Sea at Gaza". Die "Wut", von der sie selbst sagt, dass sie ihre treibende Kraft ist, sieht man Hass nicht an, unscheinbar, leise, völlig unaufgeregt und bescheiden ist das Auftreten der Frau, deren Aktionen auch von Freunden als "verrückt" und "tollkühn" bezeichnet werden.

Von israelischen Offiziellen wird Hass oft als "Sicherheitsrisiko" eingestuft, sie untergrabe die nationale Einheit. Dabei hätte man sich viel erspart, hätte man nur auf sie gehört: Seit Beginn des so genannten Friedensprozesses machte sie jahrelang darauf aufmerksam, dass sich die Situation der Palästinenser kontinuierlich verschlechtere, dass das Ganze einmal explodieren werde. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

Gudrun Harrer
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