"Man merkt schnell, wenn etwas nicht stimmt"

30. September 2002, 13:24
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UN-Inspektorin Gabriele Kraatz-Wadsack fordert im STANDARD-Interview eine neue Chance für den Irak

Man sollte der Sache noch eine Chance geben, spricht sich Gabriele Kraatz-Wadsack für neue UNO-Waffeninspektionen aus. Sie war von 1995 bis 1998 als Unscom-Mitglied im Irak, nahm an 26 Inspektionen teil, wobei sie achtmal Chefinspektorin war. Auch der Unmovic bleibt sie weiter verbunden, im November wird sie in Wien Inspektoren in ihrem Fachbereich Biologiewaffen ausbilden. Momentan ist die Mikrobiologin am Robert-Koch-Institut in Berlin tätig.

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STANDARD: Wie legt man eine Suche nach Biowaffen überhaupt an? Im Feld oder durch das Beackern von Dokumenten?

Kraatz-Wadsack: Das irakische Biowaffenprogramm konnte erst aufgedeckt werden, als wir im Januar 1995 die Importdokumente bekamen, die die Einfuhr von Rohstoffen in den Irak bewiesen. Sie haben immer eine gemischte Informationslage, einerseits Informationen vonseiten des Irak, die stimmen können oder auch nicht und die Sie auf den Wahrheitsgehalt überprüfen müssen, andererseits Informationen von außen, durch Satellitenaufnahmen, Überläufer, Geheimdienste. Damit gehen Sie dann zu den Einrichtungen und machen Buchprüfungen, um festzustellen, ob die Einrichtung einen zivilen Nutzen hat. Im Biologiebereich gibt es das Problem, dass die gesamte Infrastruktur sowohl zivil als auch militärisch nutzbar ist, aber wenn ein ziviler Zweck offen gelegt wird, muss das ja auch in den Büchern - beziehungsweise Computerdisketten - nachgeprüft werden können. Jedes zivile Produkt hat auch einen Endabnehmer. Wenn alles in Ordnung ist, werden Ihnen die Dokumente übergeben, Sie können in die Computerbank schauen, oder man lässt Sie mit den Personen sprechen, die dort tätig sind. Aber wenn etwas versteckt werden soll, haben Sie eben Probleme: Sie können mit den Personen nicht sprechen, es gibt keine Dokumente - die sind dann angeblich alle vernichtet -, und einen Computer gibt es auch nicht, den man einsehen könnte. Sie merken vor Ort schnell, ob mit der Einrichtung alles stimmt oder nicht.

STANDARD: Was spielen Ihre irakischen Begleiter für eine Rolle?

Kraatz-Wadsack: Auf den Inspektionen muss man von Regierungsrepräsentanten begleitet werden, wir nehmen sie mit, ohne ihnen zu sagen, wo wir hingehen werden, das heißt, wir fahren vorne weg und sie hinterher. Sie sollten uns, wenn wir irgendwo ankommen, den Zugang und die Inspektion erleichtern: Wenn Sie etwa an einer militärischen Anlage plötzlich vor dem Tor stehen, dann lässt Sie der Soldat, der einen Schießbefehl hat, natürlich nicht hinein. Da sollte dann der irakische Regierungsrepräsentant sagen, das sind UNO-Inspektoren, die dürfen hier rein. Aber das ist eben nicht immer der Fall gewesen. Es gibt auch das Problem, dass Ihre Begleiter natürlich genau Bescheid darüber wissen, was verborgen werden muss, und dass sie dann Einfluss auf die Leute vor Ort nehmen, was diese antworten sollen, oder ihnen sagen, sie sollen die Fragen der Inspektoren überhaupt nicht beantworten.

STANDARD: Sie stehen also vor so einer Anlage. Ist es möglich, dass da drinnen mit Knopfdruck von einer B-Waffen-Produktion auf Impfstoffproduktion umgestellt wird, wenn die Inspektoren anklopfen?

Kraatz-Wadsack: Viele Geräte können genauso übernommen werden, wie sie sind, man bräuchte nur die Experten auszutauschen, also die Impfstoffexperten gehen und die Biowaffenexperten kommen oder umgekehrt. Es sind dieselben Geräte, und Sie wissen nicht, was drin ist - es sei denn, Sie nehmen eine Probe. Ein Problem ist aber, dass man Geräte sehr schnell reinigen kann, thermisch oder durch chemische Substanzen, während sie einem vor dem Tor warten lassen. Im Biologiebereich geht es da um kleinere Zeitspannen als im Chemie-oder Nuklearbereich, hier sind Aktivitäten einfacher nachzuweisen als im biologischen Bereich. Deswegen braucht man ja Überraschungsinspektionen, damit man mit möglichst wenig Vorankündigung kommt. Aber wenn Sie vor Ort sind, haben Sie gute Möglichkeiten zum Nachweis dessen, was da gemacht wurde, durch Probenahme aus den betreffenden Behältnissen können Sie Reste feststellen, die man in der kurzen Zeit doch nicht hundertprozentig beseitigen kann, oder mittels DNA-Analyse immer noch nachweisen, was da tatsächlich drin war.

STANDARD: Das gilt für die laufende Produktion, aber bestimmt nicht für die irakischen Waffenprogramme von vor 1991, mit denen sich die Unscom hauptsächlich befasst hat. Wird die Unmovic-Arbeit eine völlig andere sein? Wie wichtig ist die Vergangenheit noch?

Kraatz-Wadsack: Die früheren Programme spielen noch eine große Rolle, erstens muss man feststellen, ob etwas zurückbehalten wurde - so würde zum Beispiel Anthrax, abgefüllt in Waffen, jahrzehntelang halten, es ist sehr stabil. Wichtig ist auch, Know-how und Expertise zu kennen, die erworben wurden, weiters zu wissen, wo die Experten tätig waren während der vier Jahre und wo sie jetzt sind, damit man sie befragen kann. Auch die Technologien müssen Sie kennen: Der Irak hat uns gesagt, wir haben nur Flüssigmaterial produziert und nichts getrocknet - Trocknen wäre eine andere Dimension, man müsste dann eben andere Einrichtungen zusätzlich genauer beobachten. Es hätte direkten Einfluss auf die Überwachung. Alles das ist wichtig - haben sie die Erreger, so wie sie es uns geschildert haben, produziert, haben sie tatsächlich diese Materialien genommen, und haben sie wirklich Kamelpocken erforscht und Aflatoxin, das Leberkrebs erzeugt, in Waffen gefüllt und so weiter, das brauchen Sie, um eine Basislinie null für die zukünftige Überwachung zu bekommen. Wir gehen im Grunde der Expertise und der Gerätetechnik vor Ort nach, um die Expertise und Gerätefähigkeit zur Mobilisierung eines Biowaffenprogrammes festzustellen. Man braucht gewisse Eckpfeiler aus der Vergangenheit, um die Überwachung sinnvoll gestalten zu können.

STANDARD: Wird je der Punkt kommen, an dem man sagen kann, der Irak ist hundertprozentig frei von Massenvernichtungswaffen?

Kraatz-Wadsack: Das liegt am Irak, sie wissen ja genau, was sie gemacht haben. Um zu überzeugen, dass sie nichts mehr haben - und das müssen sie, das sind die UNO-Auflagen -, müssen sie natürlich glaubhaft beweisen, dass sie die Dinge so gemacht haben, wie sie sagen. Es kann ja nicht sein, dass es heißt, zuerst kam der Befehl, alle Dokumente zu vernichten, und dann kam der Befehl, wichtige Dokumente zurückzuhalten. Man kann nicht alles vernichten, und dann hat man es doch zurückbehalten. Wir haben auch nicht alle Personen des Biologiewaffenprogramms kennen gelernt, es waren bestimmt mehr Wissenschafter tätig, als uns der Irak angibt. Aber trotzdem muss man der Sache eine Chance geben, es könnte ja sein, dass der Irak sich entschließt, heute nicht mehr mit derselben Verzögerungs- und Verschleierungstaktik zu arbeiten wie früher. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

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    UN-Chefinspektorin Gabriele Kraatz-Wadsack

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