Ein Krieg gegen den Irak? Ja, nein, vielleicht

29. September 2002, 19:28
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Chefredakteure europäischer Zeitungen sind uneins über Militärschlag - Schwierige Frage nach Alternativen

Kann man vor einer solchen Kulisse überhaupt über Krieg diskutieren? Hier in Cernobbio am Comer See, einem der malerischsten Orte Europas? Journalisten aus mehreren Ländern Europas trafen sich dort am Wochenende zu einem Meinungsaustausch. Das Thema: Europa ein Jahr nach dem Anschlag in New York. Der Anlass: die Verleihung des "Premio Europa Cernobbio" an den außenpolitischen Kommentator der Washington Post, Jim Hoagland.

In Lucchino Viscontis prunkvoll am Seeufer gelegener Villa Erba wurde der zweifache Pulitzer-Preisträger für seine Berichterstattung ausgezeichnet. Hoagland, sechs Jahre in Afrika und Asien als Korrespondent unterwegs, verfolgte den Golfkrieg aus nächster Nähe und gehört zu den wenigen Journalisten, denen ein Interview mit Saddam Hussein gelang. Wer den Krieg nicht will, müsse Alternativen aufzeigen, forderte er.

Von den anwesenden Chefredakteuren wichtiger europäischer Zeitungen befürwortete den Krieg eigentlich keiner. Doch der drohende Militärschlag entzweite die Meinungsmacher. Gerfried Sperl (DER STANDARD) und Sanchez Harguindey (El País) wandten sich entschieden gegen militärische Gewalt. Gegen Saddam Hussein sei internationaler Druck erforderlich, aber einen Krieg hielt Sperl nicht für zielführend. Die Folgen für den arabischen Raum seien unabsehbar. Dort seien Armutsbekämpfung und Förderung der Demokratie gefragt. Harguindey kritisierte den Abbau von Bürgerrechten in den USA und deren Versuch, die Welt zu bevormunden.

Hugo Bütler (NZZ) bezeichnete einen Irak-Angriff als legitim und befürchtete, auch die Entsendung von UNO-Inspektoren könne den Krieg kaum verhindern. Ferruccio de Bortoli (Corriere della sera) verteidigte als Moderator der lebhaften Diskussion die USA gegen antiamerikanische Attacken aus dem Publikum. Wolfram Weimer (Die Welt) forderte Solidarität mit Washington - unter Verzicht auf viel strapazierte Klischees. Dagegen verwies Jean Leclerc du Sablon (Le Figaro) auf die Gefahr einer Destabilisierung der UNO durch die USA. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

Gerhard Mumelter aus Cernobbio
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