Rektorenchef: Prüfen, ob Stipendien ausreichen

29. September 2002, 19:18
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Georg Winckler im STANDARD-Interview: Studiengebühren haben auch positive Auswirkungen

Höhere Absolventenzahl und Druck auf Lehrende, ein vernünftiges Vorlesungsspektrum anzubieten: Das sind die Effekte der Studiengebühren, wie sie Rektorenchef Georg Winckler sieht. Mit ihm sprach Peter Mayr.

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STANDARD: Sie haben vor einem Stopp der Uni-Reform gewarnt, weil das "die Unis nicht aushalten" würden. Warum kann man eigentlich nicht ins alte System zurückkehren?

Winckler: Die Uni-Reform bringt den Unis Vorteile wie verstärkte Handlungsfähigkeit. Aber Reformfragen sind immer mit Finanzierungsfragen verknüpft. Ich habe gesagt: Ob es Studienbeiträge gibt oder nicht, ist letztlich eine Frage der Politik. Wenn ich sie abschaffe, entsteht eine Finanzlücke von rund 100 Millionen Euro. Da muss man erklären, wie diese geschlossen wird. Vor allem, wenn etwa SP-Chef Alfred Gusenbauer davon redet, dass wir einen Sparkurs fahren werden.

STANDARD: Und die SPÖ bringt da keine Vorschläge?

Winckler: Ich habe bisher nichts gelesen. Ich sehe nur die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren.

STANDARD: Sind Sie daher besorgt, wenn eine rot-grüne Regierung folgt?

Winckler: Nein, das würde ich zunächst nicht sagen. Es wird ja auch von den Grünen immer betont, dass es eine Bildungsoffensive geben soll.

STANDARD: Wenn die Studiengebühren bleiben, sollte dann auch eine Studienplatzbeschränkung folgen?

Winckler: Uns interessiert: Können wir international mithalten oder nicht? Wenn ich lese, dass eine Oppositionspartei die Fachhochschulen stärken will, dann muss auch klar sein: Die haben keinen offenen Zugang. Heißt das, dass sich diese Partei dann auch für ein System des nicht offenen Zugangs an den Unis einsetzt?

STANDARD: Haben die Studiengebühren überhaupt den gewünschten Effekt?

Winckler: Es wäre an der Zeit zu prüfen, ob das Stipendiensystem ausreichend ist. Ein Effekt ist: Viele studieren rascher. Die Absolventenquote an der Uni Wien ist um über zehn Prozent gestiegen. Es wird auch ein höherer Stellenwert der Lehre eingemahnt. Ich bekomme täglich Beschwerden.

STANDARD: Auch über die Prüfungsanrechnung? Laut einer neuen Studie herrscht hier vielfach die reine Willkür. Winckler: Das Problem muss man weiter fassen. Wir müssen überlegen, wie künftig die Studienarchitektur im europäischen Rahmen aussehen muss, also eine Modularisierung des Studiums mit einer erhöhten Transparenz der Studienbedingungen, vielleicht ein stärkeres Kurssystem. Der Wechsel von einer Institution zu einer anderen muss besser gelingen.

STANDARD: Derzeit gelingt das ja offenbar nicht.

Winckler: An der Uni Wien entscheiden an die 80 Organe über die Studienanrechnungen. Sie können sich sicher sein: Wir sind Anhänger der Mobilität, gibt es Hindernisse, werden sie weggeräumt.

STANDARD: Zurück zur Uni-Reform. Warum bekämpfen Sie einen Implementierungsstopp?

Winckler: Die Rektoren befürworten die Reform, weil sie aus den bisherigen Strukturen, etwa Planstellenbürokratie, heraus wollten.

STANDARD: Aber andere Uni-Gruppierungen sind für ein Aussetzen der Reform. Wollen die im alten System verweilen?

Winckler: Eben, das ist mein Punkt. Meine Sorge ist, dass wir das Erreichte, nämlich handlungsfähige Unis, wieder verlieren. Wobei es sicher Punkte gibt, die man anders gestalten hätte können - etwa die Verselbstständigung der Medizinischen Unis.

STANDARD: Die wäre durch einen Reformstopp vom Tisch.

Winckler: Das ist schon richtig. Wir wollten aber in erster Linie aus dem Status einer nachgeordneten Dienststelle des Ministeriums raus.

STANDARD: Da nimmt man die Medizin-Ausgliederung hin?

Winckler: Stimmt, das ist eine bittere Pille. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

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    Georg Winckler ist gegen ein Aussetzen des umstrittenen Uni-Gesetzes

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