Landpartie auf glatten, kühlen Wegen

2. März 2003, 22:27
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Schauspieldirektor Fontheim startete Grazer Saison mit "Das weite Land"

Graz - Zur Saisoneröffnung des Grazer Schauspielhauses begab sich Hausherr Matthias Fontheim auf eine Landpartie in die oft ungangbare Region der menschlichen Seele. Dass er sich dabei auf sein Ensemble als Weggefährten verlassen kann, bewies der dreieinhalbstündige Trip. Doch die Route der Regie machte mitunter das vorsichtige Eintauchen in die Tiefen menschlicher Ambivalenzen zum orientierungslosen Abstecher.

Dass das zwischenmenschliche Scheitern von Schnitzlers Figuren zeitlos ist, gilt als gesichert. Dass sich - wenigsten ein paar - gesellschaftliche Konstellationen seit der Jahrhundertwende verändert haben, allerdings auch. Da hilft es nichts, wenn man die Frauen und Männer, die in bester Gesellschaft aneinander vorbeileben, als heutige verkleidet (Bühne und Kostüme: Susanne Maier-Staufen), und unter ihre sterilen Wohnlandschaften einen Klangteppich von Miles Davis legt. Da kommt der inszenierte Wechsel zwischen verzweifelter Unterkühltheit und spaßiger Leichtigkeit recht beliebig und allzu glatt daher.

Starkes Spiel

Ganz und gar nicht beliebig agieren die Schauspieler: Dominik Warta spielt den Fabrikanten Hofreiter, der seiner jungen Frau konsequent ein Leben lang die Untreue hält, bis in die Details gemeiner Witze, falscher Versprechen und wütender kleiner Ausbrüche. Das Gehabe des gesetzten Mannes übernimmt er dabei so natürlich, dass man bald vergisst, dass Warta eigentlich Hofreiters Sohn sein könnte.

Überzeugend ist auch das Spiel von Martina Stilp, die mit der Eleganz der Traurigkeit immer wieder neue Facetten von Genia Hofreiter ins Bühnenlicht zerrt und dabei bis zuletzt die Spannung hält. In der Rolle ihres guten Freundes Doktor Mauer steht ihr dabei Daniel Doujenis als einer, der im Reigen verschiedenster Lebensentwürfe nicht recht zum Mitspielen kommt, gegenüber. Doujenis versteht das doppelte Spiel des zaghaften Mauer, der aus der festen, aber dünnen Haut seiner eigenen Anständigkeit und Disziplin nicht herauskommt.

Gerhard Balluch, der vor über zehn Jahren den Hofreiter in Graz gab, kehrt als altender Playboy Doktor von Aigner zurück. Auch wenn er und seine geschiedene Frau (Friederike Bellstedt) sich nie gegenüberstehen, schaffen sie eine weitere virtuose Figuren-Achse.

Bei einem solchen Ensemble hätte man wohl auch Kleinstrollen mit Profis besetzen können, anstatt Szenen durch drei clowneske Wandersmänner und ein lächelndes Modell zu verschenken. (DER STANDARD, Printausgabe vom 30.9.2002)

Von
Colette M. Schmidt

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Schauspielhaus Graz
  • Szenenfoto aus der Inszenierung "Das weite Land"
    pressefoto grazer schauspielhaus

    Szenenfoto aus der Inszenierung "Das weite Land"

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