Literaturfest statt Lynchstätte

29. September 2002, 20:13
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"Floriana 2002": Preis für Josef Winkler

St. Florian - Für Autoren und ihre schmal bemessenen Haushaltskassen sind Literaturwettbewerbe, in denen sie ihre Kunst dem Scharfrichterspruch einer Jury ausliefern, die eher ungeliebte Variante des Gelderwerbs. Zumal vor den Augen eines TV-Millionenpublikums, wie in Klagenfurt, zeitigt das Machtspiel der verbalen Steinigung einen mitunter erschreckenden Sadismus. Während jedoch die Klagenfurter Lesungen um den Bachmann-Preis in frühreifem Manierismus jährlich stilsicherer zum Satyrspiel ihrer selbst finden, findet die Literatur ihrerseits sich, weitgehend unbeobachtet, im oberösterreichischen St. Florian.

Vor neun Jahren gründeten dort Charlotte und Klaus Liedl, sie Germanistin, er Bildhauer, die "Floriana" als internationalen Literaturwettbewerb. Alle zwei Jahre wird der Preis ausgeschrieben, jeweils zu einem bestimmten Thema. Die diesjährige, fünfte "Floriana" stand im Zeichen des Thanatos. Für den mit 7.000 Euro dotierten ersten Preis hatten 472 großteils namhafte Autoren Texte eingereicht, neun von ihnen lasen ab Freitag in der Endrunde: Weder Josef Winkler noch Jürg Amann hatten gezögert, sich um die "Floriana" zu bewerben, genauso wenig wie Judith Kuckart oder Adam Zielinski. Sabine Gruber, Petra Nagenkögel, Walter Müller, Markus Orths und Anne Marie Pircher.

Nach zwei Lesungstagen wählte die fünfköpfige Jury (Elke Heinemann, Peter Huemer, Reinhard Kannonier, Christine König, Anton Thuswaldner) Josef Winkler zum diesjährigen Sieger, der einen noch unveröffentlichten Text von zwingendster bildhafter Eindringlichkeit, zur barocken Allegorie überhöhte Beobachtungen seines jüngsten Indien-Aufenthalts, Meinl oder Leichenschleifen in Benares vorgetragen hatte. Auf Platz zwei folgte Jürg Amann mit Nachtstück. Muttertöten, auf Platz drei Petra Nagenkögl mit einer titellosen Erzählung. Insgesamt aber siegte in St. Florian eine, die die Klagenfurter Demütigungen längst scheut: die Literatur. (cia/DER STANDARD, Printausgabe vom 30.9.2002)

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    Josef Winkler

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