Auslandskultur ohne Mozartkugeln

30. September 2002, 21:34
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Der neue Chef der Auslandskulturabteilung Emil Brix über die Kulturforen, die Auswirkungen der EU-Osterweiterung und das Budget als Trauerspiel

Wien - Seit 1. September ist Emil Brix (46) Leiter der Auslandskulturabteilung des Außenministeriums und damit verantwortlich für die kulturelle Selbstdarstellung des Landes im Ausland. "Wir müssen in unserer Arbeit Momente der Aufmerksamkeit entweder schaffen oder nutzen", erklärt Brix im Gespräch. Daher sei das erhöhte Interesse des Auslandes im Zuge der Neuwahlen durchaus eine Chance: "Nachdem es unsere Aufgabe ist, Österreichbilder im Ausland zu erzeugen, hat das natürlich unmittelbare Auswirkungen auf uns." Dabei müsse man "als internationaler Seismograph für politische Entwicklungen in Österreich selbst" rasch reagieren und innerösterreichische Diskussionsprozesse transparent machen.

Auch bei der Hochwasserkatastrophe habe man - etwa in gemeinsamen Aktionen mit ebenfalls betroffenen Nachbarländern - auf aktuelle Entwicklungen rasch reagiert. Dabei wäre der Paradigmenwechsel, den die österreichische Auslandskulturpolitik in den vergangenen Jahren erlebt habe, hilfreich: "Heute setzten wir nicht mehr auf reine Repräsentation österreichischer Hochkultur, sondern versuchen, Verständnis für interne Fragen zu wecken. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Lipizzaner und die Mozartkugeln ins Ausland zu exportieren", erläutert der studierte Historiker und Anglist, der von 1995 bis 1999 das österreichische Kulturinstitut in London leitete.

Wesentliche Änderungen ...

In den vergangenen Jahren lag der Fokus der Arbeit auf Mittel- und Osteuropa. Das politische Projekt der EU-Erweiterung würde die heimische Auslandskulturpolitik in diesen Regionen keineswegs obsolet machen, versichert Brix. "Wenn in Europa wirklich eine Diskussion über eine gemeinsame Identität geführt würde, hätten Sie recht. Tatsächlich ist jedoch keiner bereit, auf die nationale Kompetenz in Kulturfragen zu verzichten. Bisher hat sich auch keinerlei gemeinsame kulturelle Wahrnehmung entwickelt. Im Gegenteil: Durch den Prozess der Globalisierung, durch den in politischen und wirtschaftlichen Feldern die Gemeinsamkeit zunimmt, stellt sich die Frage: Was bleibt noch an nationaler Identität? In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Kultur."

Bei grundsätzlich gleichbleibender Orientierung sieht Brix dennoch wesentliche Änderungen in der Kulturarbeit in den künftigen neuen EU-Staaten: "Wir sind nicht mehr in einer Geber-Nehmer-Situation. Die Arbeit wird viel stärker partnerschaftlich werden. Außerdem wird es viel mehr um regionale Partnerschaften gehen."

"Kulturelle Börse"

Das seit eineinhalb Jahren verfolgte Konzept einer "Auslandskulturpolitik neu" und der gleichzeitigen Umwandlung der Kulturinstitute in Kulturforen sieht Brix als gelungen an. Man fördere vorwiegend Dialogprojekte, verstehe sich als "kulturelle Börse und nicht mehr als Veranstalter im klassischen Sinn." Das würde sich auch im Kulturforum Paris, nach dem umstrittenen Verkauf des alten Kulturinstituts-Gebäudes, bewähren. "Die Aufregung war damals groß - jetzt ist sie aus guten Gründen verschwunden. Das neue System hat sich bewährt."

Nicht ganz in dieses System, das gibt Brix zu, passt das neue Kulturforum New York von Architekt Raimund Abraham. "New York ist ein Flaggschiff von unikalem Wert. Der Bau erfüllt in unwiederholbarer Art und Weise die Aufgabe, Aufmerksamkeit zu schaffen. Wenn ich an die zahllosen medialen Reaktionen auf den Bau denke - keine noch so teure Werbekampagne hätte das schaffen können." Aufregung haben zuletzt die Baukosten des viel gelobten Gebäudes verursacht. "Da ist das Außenministerium derzeit nicht am Ball. Die Endabrechnung ist eine Frage, die zwischen der Bundesimmobiliengesellschaft und dem Architekten zu klären ist", meint Brix.

Budget ist seit Jahren ein Trauerspiel

Seit Jahren hat die österreichische Auslandskulturpolitik mit rückläufigen Budgets zu kämpfen. "Das Budget ist seit Jahren ein Trauerspiel", nimmt sich Brix kein Blatt vor den Mund. "Das operative Budget beträgt derzeit 5 Millionen Euro. Das ist nicht mehr als der Flügel eines Abfangjägers."

Zwar versuche man ständig, das Verhältnis zwischen Fixkosten und operativem Budget zu verbessern und könne seit ein paar Monaten selbst Sponsorengelder lukrieren, ohne sie beim Finanzministerium abliefern zu müssen, doch natürlich hofft der Auslandskultur-Chef auf eine bessere Dotierung seiner Abteilung. In welcher Höhe? "The sky is the limit." Aber auch in Zeiten von Sparbudgets müsste - angesichts der Geringfügigkeit der derzeitigen Mittel - eine deutliche Steigerung, die als Signal gesehen werden könnte, möglich sein." (APA)

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