Günter Grass: Rot-Grün soll sich um Nord-Süd-Konflikt kümmern

29. September 2002, 15:21
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Literaturnobelpreisträger unterstützt Irak-Politik Berlins

Hamburg - Die rot-grüne deutsche Bundesregierung sollte nach Ansicht von Günter Grass in der neuen Legislaturperiode dem Nord-Süd-Konflikt als einer der zentralen Ursachen des Terrorismus Priorität einräumen. "Wenn man den Mut hat - aus meiner Sicht zu Recht -, ein folgenreiches Abenteuer, die Teilnahme an einem Irakkrieg, zu verweigern, sollte man auch den Mut haben, als Alternative dazu an die Wurzeln des Übels zu gehen und mit vernünftiger Entwicklungspolitik zu helfen", sagte der Literaturnobelpreisträger am Samstag in einem dpa-Gespräch. Grass war bis Anfang der 90er SPD- Mitglied, er hatte danach für Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) Wahlkampf gemacht.

Er forderte, das von Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) "sehr gut geleitete" Entwicklungshilfeministerium im Etat aufzustocken und von da aus Akzente zu setzen. Dies könnte eine Signalwirkung auch für andere Länder haben.

"Kriege schaffen nur neue Terroristen-Generation"

Grass erinnerte daran, dass bereits Willy Brandt als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission eine neue Weltwirtschaftsordnung angemahnt hatte, um der Verelendung und Hungersnöten entgegenwirken zu können. "Aber nichts geschieht, nicht einmal die Schulden werden den Ländern der so genannten Dritten Welt erlassen." "Wenn man diese Staaten über Jahrzehnte hinweg in Abhängigkeit hält, ihnen nicht den Zutritt zu den Märkten erlaubt, ihre Rohstoffe ausbeutet, ohne dass sie ausreichend Gewinn davon haben, dann steigert sich aus der Enttäuschung Wut, dann Hass und aus dem Hass kommt dann der Terrorismus", sagte Grass. Es sei ein Irrtum zu meinen, man könne den Terrorismus allein mit Waffen bekämpfen. "Diese Kriege schaffen nur eine neue Generation von weiteren Terroristen, wenn nichts an den Ursachen dieser Entwicklung getan wird."

Besondere Aufmerksamkeit sollte Rot-Grün auch benachteiligten und verarmten Schichten in der Bundesrepublik schenken. Er verwies auf den Armutsbericht der Bundesregierung, wonach zehn Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze oder sogar darunter lebten. Auf der Frankfurter Buchmesse wird Grass den von ihm mitherausgegebenen Sammelband "In einem reichen Land" (Steidl Verlag) vorstellen. Orientiert am Beispiel eines ähnlichen Bandes des inzwischen gestorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu werde die Situation jener, die sonst kein Gehör fänden, geschildert. "Ich wünschte mir, dass dieses Buch auch von der Bundesregierung zur Kenntnis genommen wird", sagte Grass. (APA/dpa)

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