"Vor USA in die Knie gegangen"

30. September 2002, 12:00
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Israel beendet Belagerung von Arafat in Ramallah - Innenpolitischer Spott für Sharon

Für die Palästinenser ist es zugleich ein "Sieg" und ein israelischer Versuch, "die Welt zu täuschen", in Israel versuchte man, das Gesicht zu wahren, und sprach nur hinter vorgehaltener Hand davon, dass Premier Ariel Sharon "in die Knie gegangen" wäre: Am Sonntag in der Früh war die Entscheidung gefallen, die Belagerung von Palästinenserchef Yassir Arafats Hauptquartier zu lockern, schon Stunden später wurde die israelische Flagge eingeholt, und die Truppen zogen sich an den Rand des Mukataa-Komplexes in Ramallah zurück.

Kurz darauf war das Kanzleigebäude des Palästinenserchefs wieder für Besucher zugänglich - Arafat beschwerte sich vor Journalisten darüber, dass das "kein Rückzug" sei, sondern nur "eine Bewegung von ein paar Metern", der UN-Sicherheitsrat solle "der präzisen Einhaltung seiner Resolution nachgehen".

Irgendeine Vereinbarung bezüglich der gesuchten Extremisten, die sich vermutlich bei Arafat aufhalten, war nicht getroffen worden, obwohl die Forderung, die Männer auszuliefern, das formale Motiv für die Belagerung gewesen war. Auch wenn es keine Blockade und keine Kontrollen mehr gebe, hieß es gestern in Jerusalem, würde der Komplex weiterhin scharf beobachtet, und die Truppen würden in einer Weise umgruppiert, dass "gesuchte Terroristen nicht frei abziehen können".

Zehn Tage zuvor waren die israelischen Soldaten nach einer Serie von Terroranschlägen dicht an Arafats Wohn- und Arbeitsbereich herangerückt und hatten systematisch rund zwanzig der umliegenden Gebäude in Trümmer gelegt. Die israelische Führung versuchte gestern gar nicht mehr zu verbergen, dass die Kehrtwende auf massiven amerikanischen Druck zustande gekommen war. Da hatte es auch nichts genützt, dass Sharon seinen engen Berater Dov Weissglas übers Wochenende blitzartig nach Washington entsandt hatte, die Affäre um Arafat war den USA während der Vorbereitung des Irak-Feldzugs einfach lästig.

Beißenden Spott bekam Sharon sowohl von der Links-als auch von der Rechtsopposition zu hören: Die Aktion gerade zu diesem Zeitpunkt wurde von den einen als "dumm" und von den anderen als "blödsinnig" bezeichnet, sie habe letztlich nur Arafat genützt, der unter dem Reformdruck schon zu wanken schien und nun als Held wiederauferstanden sei.

Arafat gefeiert

In Ramallah versammelten sich am Nachmittag jedenfalls Palästinenser vor Arafats Amtssitz, um seine "Befreiung" zu feiern. Nach Augenzeugenberichten verließen mehrere Dutzend der Eingeschlossenen den schwer beschädigten Amtssitz Arafats, um sich erstmals seit zehn Tagen im Hof die Füße zu vertreten und die Schäden zu besichtigen. Arafat wurde später auf den Schultern seiner Leibwächter aus dem Gebäude getragen und von jubelnden Menschen begrüßt. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Arafat: "Dies ist ein Betrug, mit dem Israel die internationale Gemeinschaft täuschen will."

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