Weltbank-Tagung geht mit Konjunktursorgen und Protesten zu Ende

29. September 2002, 16:44
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Vertrauenskrise und Lateinamerika dominieren den Finanzgipfel

Washington - Die Jahrestagung von IWF und Weltbank geht heute Sonntag unter stärksten Sicherheitsmaßnahmen zu Ende. Im Zentrum der Beratungen Finanzminister, Notenbanker und Bankenvertreter aus aller Welt standen heuer die Konjunktursorgen, die sich abzeichnenden Finanzkrise in Südamerika und der Vertrauensverlust in die Weltwirtschaft.

Wie umfassend dieser Vertrauensverlust zuletzt ausgefallen ist, umriss der Chef der Bank Austria-Mutter HypoVereinsbank (HVB), Albrecht Schmidt, am Freitagabend bei einem Empfang: "Viele Eigentümer haben das Vertrauen in ihr Unternehmen verloren, viele Investoren das Vertrauen in die Märkte und viele Menschen das Vertrauen in die Finanzinstitutionen, sagte Schmidt. In Erinnerung an das Lenin-Zitat 'Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser' meinte er: "Für uns muss heute das umgekehrte gelten".

Unterschiedliche Geschäftskulturen

Schmidt verwies auch auf die unterschiedlichen Geschäftskulturen in den USA und Europa und bemängelte das "kritiklose adaptieren" internationaler Vorgaben, etwa bei der vielfach erfolgten Einführung des Rechnungslegungssystems GAP. Die oft kritisierte "Deutschland AG" sei nicht so schlecht wie manchmal ihr Ruf gewesen, so der HVB-Chef Das offizielle Österreich war in Washington mit Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Notenbankgouverneur Klaus Liebscher vertreten. Liebscher gibt noch eine Pressekonferenz zu den Themen des Finanzgipfels.

Das Weltbanktreffen selbst geht am Nachmittag mit einer Vollversammlung zu Ende. Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler, zeigte sich zuversichtlich, dass die wirtschaftliche Erholung der Weltwirtschaft trotz der Risiken und Unsicherheiten weitergehen wird. Zugleich rief er dazu auf, den internationalen Zusammenhalt zu stärken, um den großen Herausforderungen zu begegnen. Die Globalisierung müsse zum Nutzen aller Länder gestaltet werden, sagte Köhler weiter. Es gehe darum, Risiken und Chancen ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei sei auch Solidarität mit den armen Ländern notwendig. "Der Kampf gegen die weltweite Armut ist eine Aufgabe aller", sagte er.

Der IWF hat im Vorfeld der diesjährigen Jahrestagung seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft für dieses Jahr zwar mit 2,8 Prozent unverändert belassen, für 2003 allerdings von zuvor 4,0 Prozent auf 3,7 Prozent zurückgenommen. Der IWF-Lenkungsausschuss, in dem 24 der 184 Mitgliedsländer vertreten sind, erklärten zum Auftakt der Tagung, man betrachte die Lage der Weltwirtschaft mit Sorge und fordere konkrete Anstrengungen zur Stabilisierung der Konjunktur. Europa müsse die Strukturreformen vor allem der Arbeitsmärkte vorantreiben, die USA müssten nach der Serie von Buchführungsskandalen die Unternehmensaufsicht stärken und Japan den Banken- und Unternehmenssektor sanieren.

Zinssenkungen ins Auge gefaßt

Bei einem Andauern der Weltwirtschaftsflaute sollten außerdem weitere Zinssenkungen ins Auge gefasst werden, so der IWF-Lenkungsausschuss. Die sieben wichtigsten Industrieländer (G 7) zeigten sich vor der Konferenz zuversichtlich, dass das Wirtschaftswachstum in den nächsten Monaten an Fahrt gewinnt. "Risiken bleiben aber erkennbar", hieß es in ihrer Abschlusserklärung. In Auswirkungen eines Kriegs gegen den Irak hat zwar nach Angaben von Teilnehmern bei den Beratungen eine Rolle gespielt, wurde aber im Kommunique nicht erwähnt.

Angesichts der Schuldenkrise in Lateinamerika sprachen die G 7 ebenso wie der IWF-Lenkungsausschuss Brasilien demonstrativ ihr Vertrauen aus. "Wir begrüßen die konsequente Verfolgung solider Wirtschaftspolitik in Brasilien", hieß es in den Erklärungen. "Brasilien hat ein großes Wachstumspotenzial", sagte IWF-Direktor Horst Köhler. Er zeigte sich überzeugt, dass das Land auch nach den Wahlen an seiner vernünftigen Wirtschaftspolitik festhält. (APA)

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