Ex-Vize-Generaldirektor der internationalen Atomenergieorganisation: UNO-Inspektoren brauchen ein Jahr

29. September 2002, 09:24
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"Man hat zwar alles gesehen, was man wollte, ist aber nicht sicher, ob man auch alles gesehen hat"

Bern - Kontrollen der UNO-Abrüstungsinspektoren im Irak würden nach Einschätzung des ehemalige stellvertretenden Generaldirektors der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), Bruno Pellaud, rund ein Jahr dauern. "Man hat zwar alles gesehen, was man wollte, ist aber nicht sicher, ob man auch alles gesehen hat", fasste der Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie, die Haltung der Abrüstungsexperten gegenüber der Schweizer Nachrichtenagentur sda zusammen. "Nichts kann Inspektionen ersetzen", betonte Pellaud. Experten gelänge es oft, ihr Augenmerk auf Vertuschungsversuche zu legen.

Der Druck der USA habe zwar bewirkt, dass der Irak im Prinzip einer Rückkehr der UNO-Beobachter zugestimmt habe. Noch immer fehle jedoch ein Zeitplan für die Wiederaufnahme der UNO-Inspektionen (UNMOVIC). Deren Chef Hans Blix will am Montag in Wien irakische Gesprächspartner treffen. Bei diesen Gesprächen seien die logistischen Probleme zu regeln, erklärte Pellaud. Blix werde sicher darauf bestehen, dass er die Kommunikationszentrale der UNO in Bagdad wie vor 1998 benützen kann. Zudem müsse man mit dem Irak einen freien Luftraum, einen Anteil an einem Flughafen, Fahrzeuge und Unterkünfte für die Abrüstungsinspektoren aushandeln.

"Blairs Bericht bringt keine neuen Erkenntnisse"

Der Bericht, den der britische Premierminister Tony Blair am Dienstag vorgestellt hatte, enthält für Pellaud keine neuen Erkenntnisse zum irakischen Atomwaffenprogramm. Seiner Ansicht nach beruhen die Hypothesen auf den Informationen, welche die UNO-Inspektoren bereits vor ihrer Abreise 1998 eingesammelt hatten. Der Bericht kommt zum Schluss, dass Bagdad fähig wäre, innerhalb von ein bis zwei Jahren über einsatzfähige Atomwaffen zu verfügen, falls es an waffenfähiges Uran oder Plutonium gelangt. Derzeit dürften die Iraker jedoch nicht über die notwendigen Einrichtungen und Materialien für den Bombenbau verfügen, glaubt Pellaud.

Theoretisch wäre es dem irakischen Regime zwar möglich, unverarbeitetes Uran zu beschaffen, so Pellaud. Doch die Kontrollen, sei es durch die IAEO, sei es durch nationale Behörden von Ländern, wo Uran geschürft wird, machten dies nicht leicht. Das natürliche Uran müsse angereichert werden. Dieses Prozedere sei jedoch äußerst komplex und gegen außen auch schwierig zu vertuschen.

Nach Ansicht von Pellaud sind die Teams von Physikern und Ingenieuren, die einst im irakischen Atomwaffenprogramm arbeiteten, noch immer einsatzfähig, trotz der Zerstörung ihrer Einrichtungen nach 1991. Einige von ihnen seien jedoch aus dem Land geflohen. So arbeite etwa einer der irakischen Nuklearspezialisten mit dem Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) zusammen. (APA/sda)

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