Beamte nach Zugunglück in Ägypten freigesprochen

29. September 2002, 14:36
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Gericht sprach alle elf Mitarbeiter frei - 361 Personen waren um ihr Leben gekommen

Kairo - Sieben Monate nach dem katastrophalen Zugunglück in Ägypten mit 361 Todesopfern hat ein Gericht in Kairo alle angeklagten Bahnbeamten freigesprochen. Die elf Mitarbeiter der staatlichen Eisenbahngesellschaft seien selbst Opfer, hieß es in der Urteilsbegründung. Man dürfe sie nicht für alle Missstände bei der Bahn zur Rechenschaft ziehen. Die wahren Verantwortlichen für den Brand in dem völlig überfüllten Zug der dritten Klasse seien bei der Transportpolizei und "bei der Bahngesellschaft selbst" zu suchen. Der Staatsanwalt hatte den Beamten vorgeworfen, ihre Nachlässigkeit und Schlamperei habe zu dem schrecklichsten Zugunglück in der Geschichte des Landes geführt.

Die Angehörigen der Angeklagten feierten den Freispruch mit Sprechchören wie "Lang lebe die Gerechtigkeit". Sie tanzten und jubelten, bis sie von der Polizei aus dem Gerichtssaal gedrängt wurden.

Überraschung

Der Freispruch ist sowohl für die Angeklagten als auch für die Beobachter des Prozesses eine Überraschung, obwohl der Prozess von Anfang an umstritten gewesen war. Denn viele Ägypter meinen, dass die "kleinen Beamten" nichts weiter als Sündenböcke sind, die ihren Kopf für die Versäumnisse ihrer Vorgesetzten hinhalten müssen. Der Transportminister, der Bahnchef und andere Spitzenbeamte hatten nach der Bahnkatastrophe ihren Rücktritt einreichen müssen, waren aber nicht angeklagt worden.

Am 20. Februar dieses Jahres hatte ein explodierter Teekocher auf der Strecke Kairo-Oberägypten in der Höhe der Ortschaft El Ajat sieben Waggons eines mit 4.000 Menschen besetzten Zuges in Brand gesetzt. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer könnte nach Einschätzung von Beobachtern möglicherweise noch weit über 400 gelegen haben, da die Identifizierung der zum Großteil völlig verkohlten Leichen sehr schwierig war. Einige Fahrgäste hatten ihr Leben mit einem Sprung aus dem fahrenden Zug retten können. Viele Menschen starben, weil sich die mit Eisenstäben vergitterten Fenster nicht öffnen ließen. Der Zugführer hatte das Feuer zunächst nicht bemerkt und war mit dem brennenden Zug noch kilometerweit gefahren. Auch bei den anschließenden Rettungsarbeiten gab es Pannen.

Für Instandhaltung verantwortlich

Die elf Beamten, die nun freigesprochen wurden, waren für die Instandhaltung der Züge und die Funktionstüchtigkeit der Feuerlöscher verantwortlich. Der Staatsanwalt warf ihnen vor, sie hätten Dokumente mit falschen Angaben über die Sicherheit des Zuges unterschrieben. Außerdem hätten sie aus Sicht der Anklage verhindern sollen, dass sich so viele Menschen in den nur für rund 2.000 Fahrgäste zugelassenen Zug pressten.

Ex-Transportminister Ibrahim el Demeiri legte als Zeuge im Prozess Dokumente vor, aus denen hervorgehen sollte, dass er den Ministerpräsidenten einst vergeblich um Geld für die Modernisierung der Züge gebeten hatte. "Die Waggons der dritten Klasse sind unmenschlich", räumte er ein.

Eine überzeugende Erklärung dafür, warum weder die Bahnpolizei noch das Zugpersonal verhinderten, dass mehrere Fahrgäste in dem überfüllten Zug auf Gaskochern Tee zubereiteten, konnte allerdings niemand liefern. Bei der Untersuchung des ausgebrannten Zuges sei eine größere Zahl von Gaskochern gefunden worden, aber keine Feuerlöscher, sagte Zivilschutz-Direktor Mohammed Hassan Hussein.

"Dieser Unfall war wie eine Alarmglocke", sagte der Richter bei der Urteilsverkündung. Er habe gezeigt, wie wichtig es sei, die ägyptischen Züge, die täglich von fünf Millionen Menschen benutzt würden, zu modernisieren. Doch bis zum heutigen Tag gibt es in Ägypten alte Züge mit Eisenstäben vor den Fenstern. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Überlebende beim Gebet an der Unglücksstelle

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