Abidjan steht vor Bürgerkrieg

30. September 2002, 11:17
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Elf Tage nach Beginn einer Rebellion unzufriedener Soldaten hat die Regierung von Côte d'Ivoire die Lage immer noch nicht im Griff

Abidjan/Paris - Französische und amerikanische Spezialeinheiten evakuierten am Sonntag rund 200 westliche Ausländer aus der Stadt Korhogo in der nördlichen Côte d'Ivoire. Die Operation stand unter Leitung der Franzosen. Sie flogen die Ausländer mit Helikoptern vom Stadtzentrum zum Flughafen, von wo sie amerikanische Militärmaschienen in den Süden des Landes transportierten.

Korhogo ist die zweite von Rebellen gehaltene Stadt, aus der seit dem Putschversuch von letzter Woche Ausländer ausgeflogen werden. Die Bevölkerung der besetzten Städte hält offenbar zu den Aufständischen, wie sich auch bei der Einnahme einer dritten Stadt, Odienne, zeigte.

Hilfegesuch an Paris

Die relativ gut ausgerüsteten Rebellen marschierten am Wochenende weiter nach Süden. Am Sonntag standen sie nur noch dreißig Kilometer von der Hauptstadt Yamassoukro entfernt. Die Regierungstruppen scheinen ihnen kaum gewachsen zu sein. Staatspräsident Laurent Gbagbo richtete deshalb ein Hilfegesuch an Frankreich, das mit Côte d'Ivoire durch ein Militärabkommen verbunden ist. Die einstige Kolonialmacht erklärte sich bereit zu logistischer Hilfe - Transport, Übermittlung, Nahrungsmittel für die Regierungstruppen.

Dies relativierte auch die Aussage der französischen Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie von Samstag: "Es handelt sich um einen internen Konflikt der Côte d'Ivoire, und es kommt natürlich nicht infrage, dass sich Frankreich einmischt." In Accra, der Hauptstadt des Nachbarlandes Ghana, trafen einander Sonntag indes die Staatschefs der Côte d'Ivoire und der Anrainerstaaten, um einen Ausweg aus der Krise zu suchen. Zur Debatte stand die Entsendung einer regionalen Friedenstruppe von mehr als 3000 Mann. Das Gipfeltreffen wurde von der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) organisiert. An der Tagung in Accra nahm auch der Präsident von Burkina Faso, Blaise Campaoré, teil. Sein Land wird von ivoirischer Seite verdächtigt, hinter der Rebellion zu stecken. Campaoré, der dies vehement bestreitet, steuerte schon die Machtübernahme des Söldnerführers Charles Taylor in Liberia. Ob er jetzt wieder seine Hände im Spiel hat, ist schwer zu sagen. Denn in den Kakao- und Kaffeeplantagen der Elfenbeinküste arbeiten bereits drei bis vier Millionen Einwanderer burkinabischer Herkunft. Wie die muslimischen Mandé- und Dioula-Ethnien im Norden des Landes halten sie offensichtlich zu den Rebellen und skandieren regierungsfeindliche und antifranzösische Parolen.

Auslöser Nationalismus

Landeskenner befürchten, dass nach Liberia und Sierra Leone auch die Elfenbeinküste in einen mörderischen Bürgerkrieg gerät. Der Auslöser dafür ist letztlich die nationalistische Regierungspolitik der Elfenbeinküste, welche die Unterschiede zwischen dem Norden des Landes und dem Süden (mit Krou- und Akan-Stämmen christlichen und animistischen Glaubens) noch verstärkt hat: Wie seine Vorgänger Bédié und Guei vefolgte Gbagbo das Konzept der "Ivoirité", das vor allem zum Ziel hatte, den aus Burkina eingewanderten Oppositionspolitiker Alessane Ouattara als wahlunfähig zu erklären.

Gleichzeitig sorgte der Verfall der Rohstoffpreise im drittwichtigsten Exportland Afrikas (nach Südafrika und Nigeria) für eine schwere Wirtschaftskrise. Das einstige "Musterland" des langjährigen Patriarchen Félix Houphouet-Boigny steht heute an einem Abgrund. Frankreich versucht nun zu vermitteln: Paris will einen Flächenbrand in Westafrika verhindern, aber auch Blaise Campaorés Ambitionen einschränken. (Stefan Brändle/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2002)

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    Polizisten vor einem Demonstrationszug.

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