Zu Hause in der Fremde

28. September 2002, 01:07
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Zu Inge Merkels achtzigstem Geburtstag am 1. Oktober

Viele waren nach Mexiko gekommen, damals, selten freiwillig. Auch Inge Merkel ist nach Mexiko gefahren, mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Januar 2001, und auch sie nur mehr oder weniger freiwillig. Denn in San Miguel, dreihundert Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, lebt Inge Merkels Tochter Eva mit ihren Kindern. Was lag da näher, als die Großmutter und Mutter herüberzuholen zu einem gemeinsamen Leben in vernünftiger Nähe. Und also verschloss die Wienerin ihre Wohnung und verließ diese Stadt, deren Autorin sie gewesen war wie wenige, verließ Österreich, wo gerade ein neues Buch von ihr erschienen war, und fuhr in ein Land, das sie schon ein paar Mal besucht hatte und dessen Sprache und Mentalität ihr dennoch nicht geläufig geworden waren.

Es dauerte kein halbes Jahr, da war der Wunsch zurückzukehren übermächtig, der Entschluss, zurück nach Wien, unumkehrbar. Ich erfuhr davon durch einen Brief Inge Merkels, Eva Merkel, über deren Handy die Verbindung nach Mexiko herstellbar war, bestätigte das. Sie war mit der Rückholung einverstanden, konnte die unbedingt notwendige Begleitung ihrer körperlich geschwächten Mutter der sehr kleinen Kinder wegen selbst nicht übernehmen, ich erklärte mich zu einer Vier-Tage-Unternehmung bereit. Es sollte meine erste Reise nach Mittelamerika werden.

Was ich hier schreibe, schreibe ich zufällig in Arachova, einer kleinen Bergstadt oberhalb von Delphi. Der Ort hat mit dem, was ich erzählen will, nichts zu tun, wenn ich einmal davon absehe, dass schließlich alle Orte, mit denen man es nur vorübergehend zu tun hat, Zufallsorte sind, die allerdings mit einem Mal das werden können, was nach Schicksal aussieht, nach Bestimmung von außen/oben, wogegen man sich ganz besonders wehren muss.

Mexiko-Stadt hingegen ist keine griechische Kleinstadt: Es ist - oder war doch zumindest - die größte Stadt der Welt. Und die höchstgelegene unter den großen. Und obwohl sie längst übervoll ist, war sie zu Zeiten von einer geradezu rigorosen Gastfreundschaft. Das heißt, die Stadt hat Menschen aufgenommen, die mit ihr eigentlich nichts zu tun hatten, nichts. Leo Trotzki war einer davon. Umstände der Zeit hatten ihn gezwungen, von dort wegzugehen, wo er zu Hause war und lieber geblieben wäre, wären die genannten Umstände nur andere gewesen. Nun saß er da, in einem Haus, dessen Garten noch nichts davon wusste, dass er einmal der Friedhof dieses Mannes sein würde, der eine Weile noch - zwischen Manifesten, Depeschen und schlaflosen Nächten in einem Zimmer lebte, das durch Eisenfenster und Eisentüren verbarrikadiert war, als gelte es, die eigenen Ängste zu einer Waffe umzuschmieden. Leo Trotzki saß in seinem mauerumbauten Haus in Mexiko-Stadt, wo er nicht hingehörte, weil er nirgendwo mehr hingehörte, und ging gelegentlich, nachdem er mit seinen Wächtern ein wenig geplaudert hatte, über weitere mögliche Verbesserungen an seinem ganz privaten Käfig, zu den Käfigen der Kaninchen, die er im Garten aufgestellt hatte, um sich das Gefühl zu geben, er selbst sei etwas anderes als ein Kaninchen, das auf den Genickschlag wartet. Und das er dann doch war.

Meine Reisetage waren vielleicht die längsten, dichtesten und zugleich entwaffnendsten vier Tage, die ich je hintereinander hatte. Sie begannen mit einem Tag in der Nähe der Wolken. Die übliche Schaumstoffwelt weißer Wolken unter dem Flugzeug reißt irgendwann auf und gibt den Blick frei: Der bewegte Küstenverlauf mit breitem Strand, davor die sanftblaue Nordsee; die Schaumspur der Schiffe, die aussieht, als zöge sie nicht hinter ihnen her, sondern reichte lotrecht ins Meer hinein; die Südspitze Grönlands und davor die Eisberge wie Zuckerstücke im Meer und scheinbar leicht wie Styropor; die schneedurchzogenen Berge von Labrador, der amerikanische Kontinent beginnt; die Hudson Bay, glatt und blau, parallele Flüsse, die zum Meer ziehen, kupferfarbene Seen, Wald; Fargo; Omaha; der braune Colorado zwischen Tulsa und Oklahoma City; wilde Wolkentürme über Mexiko; gelandet.

Nach einer Stunde erscheint Eva Merkel am vereinbarten Treffpunkt, zusammen mit dem Maler Antonio Lopez Vega. Anderthalb Tage in Mexiko-Stadt: anthropologisches Museum, Zocalo und nahzu alle Straßen dazwischen, Sandborn's und etliche Cantinas, gegessen ich weiß nicht was, hinauf auf den Torre Latinoamericana, hin zu Trotzki und Frieda Kahlo; dann nach San Miguel in fünfstündiger Busfahrt. Eva holt mich im Hotel ab, führt mich ein paar Straßen entlang, öffnet dann ein Tor, wir durchqueren zwei Höfe, ein kurzes, hartes Klopfen an einem Fensterladen, die Tür ist offen, und da sitzt sie auf der Bettkante, die große Dichterin Inge Merkel, barfuß, im grünen T-Shirt, eine Szene wie in 'Chinatown' oder bei Hitchcock, nur freundlicher: Da sind Sie ja. Und sie lacht.

Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, mit Eva und Antonio über den Markt und dann, zu einem Sonntagmorgenfrühstück in ein knallblaues Wellblechlokal zu Ziegensuppe und Ziegenfleisch, kompliziert über Nacht gedünstet, einer steht daneben und singt zur Gitarre. Dann, unbedingt, es ist Sonntag um zwölf, in Antonios Lieblingscantina, El gato negro, mit der weltgrößten Marilyn-Monroe-Bildersammlung an den Wänden im Halbdunkel, Erd-, das heißt Sandboden. Anschließend, mit mannhafter Fahne, zu Inge Merkel, die im zweiten Hof sitzt, hübsch zurechtgemacht und ein wenig geschminkt, daneben die Koffer. Der Blick ist lang und erwartungsvoll zugleich. Und sicher ist noch etwas - schwer Entzifferbares - in diesem Blick, und womöglich ist es eine Mischung aus dem Triumph, vielleicht wieder zu sich zu finden, und der Ungewissheit, ob man das Richtige tut, der Trennung von der Familie, für die man nicht die wurde, die man hätte sein sollen, und der Wiederbegegnung mit den Möglichkeiten des Lebens, an die sie eigentlich immer geglaubt hat und in manchen Momenten doch auch jetzt noch glaubt.

Es ist düsterer geworden um sie herum, auch in ihr, aber die Überzeugungen, die das Dasein gelehrt hat, sind davon nicht wirklich abhängig. Sich etwas ausdenken, sich ausmalen, wie etwas (gewesen) sein könnte, und dafür die richtigen Sätze finden - warum sollte das je vorbei sein? Wo ist man zu Hause, wo in der Fremde, und ab wann mischt sich beides, das Zu-etwas-Gehören und das Nirgendwohingehören, so, dass die Wahrheit sich zeigt: Zu Hause ist da, wo man erwartet wird und selbst etwas erwartet, das heißt, wo Zukunft ist. Die Fremde ist die Vergangenheit. Das nächste Buch entsteht immer aus beidem.

(Von Jochen Jung/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Jochen Jung ist Verleger und Autor
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