Erinnern und Erfinden

28. September 2002, 01:01
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Jorge Sempruns "endloses Schreiben" über Buchenwald

Wer sich erinnern will, muss sich dem Vergessen anvertrauen, diesem Risiko des absoluten Vergessens und diesem schönen Glücksfall, zu dem das Erinnern dann wird." Dieses von Maurice Blanchot entlehnte Zitat diente als Motto für das 1995 erschienene Erinnerungsbuch Schreiben oder Leben des spanisch-französischen Schriftstellers Jorge Semprun. In diesem Jahr ist ein neues Buch des Autors erschienen, das ebenfalls unter diesem Motto stehen könnte, wie die Spannung zwischen Erinnern und Vergessen überhaupt programmatischen Charakter für sein gesamtes Werk aufweist. In Der Tote mit meinem Namen beschäftigt sich Semprun ein weiteres Mal mit seinem literarischen Lebensthema: den Erfahrungen des Konzentrationslagers Buchenwald.

Das neue Buch über den dort miterlebten Tod fügt sich wie ein zusätzlicher Stein in das autobiografische Mosaik des Autors. In gewohnt assoziativer, mit zahlreichen Vor- und Rückblenden operierender Schreibweise erinnert sich Jorge Semprun, wie ein anderer KZ-Häftling - einer, dem der Tod schon ins Gesicht geschrieben war, ein "Muselmann", wie es im Lagerjargon hieß - unter seinem Namen sterben sollte, damit er selbst den Nachforschungen des Sicherheitsdienstes entgehen konnte. Dieser andere, wie er ein junger Student aus Paris, hatte, im Gegensatz zu ihm, kein Glück gehabt - und ohne Glück, ohne fremde Hilfe war es nicht möglich, im Konzentrationslager zu überleben. Semprun evoziert die Nacht neben "seinem Toten", beschreibt das langsame Dahinsiechen desjenigen, der keine Kraft mehr zum Leben hat. Er erzählt aber auch von den Gesprächen, die sie an den arbeitsfreien Sonntagnachmittagen miteinander geführt hatten, von den literarischen Vorlieben, die sie miteinander teilten. Indem er die Vorfälle rund um die Suche nach einem "geeigneten Toten" im Winter 1944 beschreibt, löst er sein Versprechen von damals ein: zu überleben, um sich an François - so der Name des anderen - zu erinnern.

Semprun erfüllt mit seinem neuen Buch gewissermaßen den Auftrag des Toten, seines "Doppelgängers", wie es im Text heißt. Er selbst hätte in dessen Namen weiterleben können, nun spricht er über diese Begebenheit, nicht im Namen des Toten, aber im Eingedenken. Und über diese eine Erzählung hinausgehend, erscheint der Auftrag rückblickend als Generator für sein gesamtes Werk und damit ganz generell für seine Existenz als Schriftsteller: Bereits sein erstes Buch Die große Reise erweist sich als Gedächtnisort, an dem die Erinnerung an François aufbewahrt und bis heute in einer ständigen Bewegung des Fort- und Neuschreibens weitergegeben wurde. Dass Sempruns Schreiben seinen Ursprung in Buchenwald nimmt, lässt sich an all seinen autobiografischen Berichten und Romanen feststellen; die aporetische Situation, die dem Autor daraus über einen langen Zeitraum erwuchs, kann man in Schreiben oder Leben nachlesen. Stärker als bisher schreibt sich Semprun in Der Tote mit meinem Namen aber direkt vom Ort des Todes her: Nur das Glück, das er selbst immer wieder hatte, trennt ihn von "seinem Toten", so die Grundaussage des neuen Buchs.

Im Bezeugen des Ungeheuerlichen liegt die Aufgabe, aber auch die Herausforderung, der sich Semprun mit seinem, wie er sagt, "endlosen Schreiben" stellt. Die Frage, wie sich überhaupt über Buchenwald und den Holocaust sprechen lässt, geht damit einher und muss immer wieder aufs Neue beantwortet werden. Angesichts der Tatsache, dass es in wenigen Jahren keine Überlebenden mehr geben wird, ist mit dieser Frage aber auch ein Auftrag an die nächsten Generationen verbunden: "Wir brauchen jetzt junge Schriftsteller, die das Gedächtnis der Zeugen, das Autobiografische der Zeugnisse, mutig entweihen. Jetzt können und sollen Gedächtnis und Zeugnis Literatur werden", sagte Jorge Semprun in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Konrad-Adenauer-Literaturpreises an Norbert Gstrein für dessen Roman Die englischen Jahre. Diese Rede sowie jene des Preisträgers sind letztes Jahr unter dem Titel Was war und was ist bei Suhrkamp publiziert worden. Das kleine, aber umso wichtigere Bändchen stellt eine symbolische Nahtstelle zwischen dem Augenzeugen und dem Nachgeborenen her; es vereint zwei unterschiedliche Schriftsteller, die in der Art, wie sie literarische Gestaltung von Wirklichkeit verstehen, nicht wenig gemein haben.

Beiden zu eigen ist ein Schreiben, das, sich seiner selbst nicht gewiss, immer nur versuchen kann, Wahrscheinlichkeit zu erzeugen. Das bedeutet für Semprun, sich über Widersprüche des eigenen Lebens (wie vor allem sein Verhältnis zum Kommunismus) nicht glättend hinwegzusetzen, sondern sie bis in die Formgebung seiner Texte hinein zu berücksichtigen. Wahrscheinlichkeit zu erzeugen meint für Semprun aber auch, Mittel der Fiktion einzusetzen, um Fakten vorstellbar zu machen. Mithilfe von literarischen Kunstgriffen soll die Realität des Konzentrationslagers bezeugt werden. Für Gstrein ist damit der Anspruch verbunden, sich mit dem Holocaust jenseits bloß wiederholenden, floskelhaften Sprechens zu beschäftigen bzw. die Untauglichkeit solchen Sprechens für eine wirkliche Auseinandersetzung sichtbar zu machen. Hier wie dort bedingen die eingesetzten literarischen Strategien eine (selbst-)reflexive Haltung, welche es erst ermöglicht, eine Sprache zu finden, die die notwendigerweise entstehenden Paradoxien dieses Schreibens trägt.

Wer sich erinnern will, muss sich dem Vergessen anvertrauen, heißt es bei Semprun. Das bedeutet, er muss sich vom Erlebten distanzieren und sich erinnernd wieder annähern. "Es ist genau diese Distanz glaube ich, und eine langsame Annäherung, die am ehesten die Erinnerung wachhält", sagt Gstrein über Sempruns Poetik und meint damit auch seine eigene. Erst aus einem gewissen Abstand lässt sich ein Blick auf etwas werfen, lässt sich die "Wahrheit" neu erfinden. Denn schließlich stellt sich - mit Semprun - die Frage: "Wozu Bücher schreiben, wenn man die Wahrheit nicht erfindet?"

(Von Monika Neuhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Jorge Semprun, Der Tote mit meinem Namen. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. EURO 19,50/203 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002

Norbert Gstrein/Jorge Semprun, Was war und was ist, EURO 4,20/42 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2001

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