Last Exit Ottakring

28. September 2002, 00:57
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Stephan Alfare erweist sich als genauer Beobachter urbaner Randzonen - und des Lebens

Hedi ist vorbeigekommen. Das Regal ist dreimal umgestürzt. Edi Storn hat die Zimmertür aus Glas zertrümmert; er hat aus Wut immer wieder mit den Stiefeln in die Wand getreten; aus der Mauer neben der Wohnungstür ist ein großes Stück herausgebrochen. Er hat sie mit dem langen Küchenmesser bedroht und Geschirr zerschlagen."

Szenen wie diese erinnern an die besten – das heißt radikalsten – Zeiten der österreichischen (Film-)Avantgarde. Nein, Stephan Alfares Roman Karl Heinz Zizala hat Krebs ist zweifellos nichts für zart besaitete Gemüter.

Der Text zerfällt in zwei Teile. In die Erzählung vom abgehalfterten alkohol- und nikotinsüchtigen Autor Edi Storn ist ein zweiter Handlungsstrang eingebaut. Ein Icherzähler berichtet darin von seiner Sesshaftwerdung in Wien – nachdem er einige Jahre herumvagabundiert war -, von der Aufnahme einer regulären Berufstätigkeit (als Sargträger) und von seiner Liebesbeziehung zu Christelle, einer Französin, die mit ihm auf Tour gewesen war und nun zwischen Wien und ihrer Heimat hin- und hergerissen ist. Es ist nicht ganz klar, wie sich die beiden Erzählungen zueinander verhalten. Wahrscheinlich ist die Icherzählung aber ein autobiografischer Text, den Edi Storn verfasst und der eine Art retrospektive Ergänzung, eine zeitliche Tiefenschicht zur Storn-Erzählung bildet, die in der Form eines Tagebuchs gehalten ist. Der Icherzähler und Storn wären dann ein und dieselbe Figur.

Das nicht gerade spärliche Personal der beiden Erzählungen setzt sich, wie das in einer handfesten Großstadt-Story so üblich ist, hauptsächlich aus kaputten Typen zusammen. Für sie alle gilt, was Hedi, die mehr Gehasste als Geliebte des Protagonisten Edi Storn, ausspricht: "Die Welt ist schlecht", "Die Welt ist miserabel". Dementsprechend miserabel geht es auch den meisten. Da gibt es Alkoholiker, Krebskranke, Stricher und eine ganze Reihe verwahrloster und vereinsamter Menschen.

Den lokalen Hintergrund des Romans bildet Wien; allerdings nicht das touristische Vorzeige-Wien, sondern das Wien des Rotlichtmilieus und der Substandardwohnungen. Alfare ist ein genauer Chronist der urbanen Randzonen, des Marginalen überhaupt, ein junger Wilder, der aus eigener Anschauung aus dem "Sumpf" großstädtischer Existenzen zu berichten weiß. Berührungsängste physischer wie sprachlicher Natur kennt er keine. Das, was Sache ist, wird auch zur Sache gemacht. Beschönigung und Selbstzensur sind ihm offensichtlich fremd. Der Großteil des Textes ist im Ton der illusionslosen Lebensmüdigkeit gehalten. Nur ausnahmsweise mischt sich dazu eine Portion Witz oder auch Schadenfreude darüber, dass die scheinbar Arrivierten ja vielleicht doch die wesentlich groteskeren Figuren abgeben als man selbst. So etwa in der tragikomischen Schilderung von Edi Storns Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb – ein kaum verschlüsseltes Abbild dessen, was sich dort letztes Jahr tatsächlich begab – oder in der Erzählung von seinem Treffen mit dem berühmt gewordenen ehemaligen Schriftstellerfreund Bobby Schuster – hinter dem unschwer ein gewisser Robert Schneider zu erkennen ist.

In der Icherzählung, der Darstellung des immer wieder versuchten und letztlich doch scheiternden Zusammenlebens zweier Menschen, löst sich die Desillusion am Ende in eine beinahe versöhnliche Melancholie auf.

Wo in der Realität immer wieder nur die schmerzliche Erfahrung des Verlustes steht, scheint das Schreiben als Herstellung fiktionaler Welten – und das ist natürlich programmatisch zu verstehen – ein wirksames Mittel gegen die existenzielle Einsamkeit darzustellen: "Und schließlich kam der letzte Tag in Frankreich. Ich dachte an Wien und die Nächte in Wien. Und an das Alleinsein. Wie sehr hatte ich es gelernt und auch lieben gelernt. Es war kein wirkliches Alleinsein, es war keine Einsamkeit mehr. Hatte ich doch die Nächte und die Gestalten der Nächte. Es waren Figuren, es waren keine wirklichen Körper aus Fleisch und Blut, die ich benutzte und danach wegschmiß. Ich kannte nicht ihre Namen, und ihre Gesichter und Gerüche hatte ich jedesmal vergessen. In jener Nacht schliefen wir miteinander. Christelle und ich schliefen lange miteinander, und danach hielten wir uns fest. Obgleich wir beide wußten, wie sich der andere anfühlte, waren wir uns fremd geworden. Am anderen Tag ging die Liebe aus unseren Gesichtern." (Von Nicole Katja Streitler/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Stephan Alfare, Karl Heinz Zizala hat Krebs. EURO 14,90/ 120 Seiten. edition selene, Wien 2002. Hinweis: Stephan Alfare liest am 1. Oktober gemeinsam mit Patricia Brooks um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (Herrengasse 5, 1010 Wien).

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