Trost und Tragik

27. September 2002, 19:59
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Ian McEwan beweist einmal mehr, dass er sein Handwerk beherrscht

Die dreizehnjährige Briony versteht die Welt nicht mehr. Ihre ältere Schwester Cecilia treibt an diesem schönen Sommertag im Jahre 1935 seltsame Dinge. Erst steigt sie vor den Augen des Sohnes der Putzfrau in den Brunnen des Landsitzes. Dann ertappt Briony ihre Schwester und den jungen Mann bei einem befremdlichen Gerangel in der dunklen Bibliothek. Woher soll die Kleine auch wissen, dass der Mann, der über ihre Schwester herfällt sie nicht umbringen will und dass dieser "Überfall" mit dem Einverständnis, ja dem glühenden Verlangen Cecilias passiert? Briony ist verstört und petzt. Damit ruiniert sie ahnungslos das Leben der Beteiligten.

McEwan ist ein großartiger Erzähler und mit Abbitte gestaltet er einen Entwicklungsroman, der nicht nur vom Erwachsenwerden eines Kindes handelt sondern auch von der Entwicklung des Schreibens an sich. Briony, die leidenschaftliche Verfasserin romantischer Märchen und melodramatischer Theaterstücke ntdeckt an dem Tag, an dem sie in die Geheimnisse der Erwachsenenwelt eindringt, auch, dass die Wahrheiten der Menschen subjektiv sind und dass man eine Geschichte aus mehreren gleich gültigen Perspektiven erzählen kann.

Was sie als Kind unwissentlich zerstört hat, versucht Briony als Erwachsene zu kitten. Das ist ein langer, mühsamer Weg und der Erfolg scheint zweifelhaft. McEwan spannt den Bogen der Handlung über mehrere Jahrzehnte. Er schickt seine Figuren in die Hölle des Krieges und der Lazarette, - eine Feuertaufe für die Schwestern aus gutem Haus und den seelisch zutiefst verwundeten Geliebten Cecilias. Briony kommt am Ende selbst zu Wort. Als siebenundsiebzigjährige, erfolgreiche Schriftstellerin trifft sie die Familie bei einem großen Fest in dem mittlerweile zu einer Nobelherberge umgewandelten Landhaus. Alles wird gut? - Ian MacEwan zeigt in einem grandiosen, grausamen Schlenker, dass der Erzähler der Herr seines von ihm erschaffenen Universums ist. Brionys Vermächtnis, der Roman der eigenen Schuld und Sühne, wird erst nach dem Tod der Beteiligten veröffentlicht werden können. Und welcher Roman wird es sein, der mit dem tröstlichen oder dem tragischen Ausgang? Ian McEwan ist immer für exzentrische Plots gut. Abbitte ist ein weiteres Beispiel seiner makellosen Beherrschung des Handwerks.

(Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Ian McEwan, Abbitte. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. EURO 25,60/534 Seiten. Diogenes, Zürich 2002.
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