Ein wütender Weiser

29. September 2002, 22:48
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Eva Schobels Albert-Drach-Biographie wird einer komplexen Persönlichkeit gerecht

Trotz starker Skepsis in bezug auf historiographische Wahrheitsfindung wird noch immer zwischen "künstlerischer" und "wissenschaftlicher" Biographie unterschieden, wobei erstere sich "größere erzählerische Freiheiten" herausnähmen (so der Biographieforscher Helmut Scheuer), während die wissenschaftliche Biographie stärker einem "Überprüfungszwang" ausgesetzt sei. In jedem Fall gehen Biographien entgegen den Thesen von der Auflösung des Subjekts von der Annahme aus, die Darstellung von Lebensumständen sei relevant - für Lebensleistungen, eine Epoche oder aber für den Leser. Letzteres wird durch die enorme Popularität von Biographien erhärtet, die auch gelesen werden, um sich der Möglichkeit eigener Individualität und subjektiver Autonomie zu versichern.

Biographien von Schriftstellern sind literaturtheoretisch gesehen besonders unzeitgemäß. Der Tod des Autors, von der textbezogenen Literaturkritik schon seit den dreißiger Jahren antizipiert, trat irgendwann einmal in den postmodernen 70er-Jahren ein. Was bleibt sind Diskurse, modellartige Porträts in der Verlags-PR - und Biographien.

Eine Biographie auf der Höhe der Zeit zu schreiben ist daher, gerade für eine Literaturwissenschaftlerin wie die Wienerin Eva Schobel, eine besondere Herausforderung. Zu Hilfe kommt ihr dabei die langjährige Erfahrung als freie Journalistin für Zeitungen und Rundfunk, die bei der Planung und Durchführung dieses grandiosen, weit über fünfhundertseitigen Projekts zweifellos entscheidend war. Im Vordergrund steht nämlich nicht so sehr der Versuch, ein Leben darzustellen, sondern die Selbstdarstellungen dieses Lebens zu untersuchen. Auf mehr als 150 Stunden Tonaufzeichnungen, in denen Albert Drach sein Leben "in einer Mischform aus Monolog und Dialog" retrospektiv fabuliert, sowie auf der "literarisch-ästhetischen Inszenierung", die insbesondere seine Werke mit autobiographischem Hintergrund auszeichnen, beruht dieses Buch.

"Eine Biographie darf nicht Dichtung und kann nicht Wahrheit sein", so die Verfasserin in ihrem Prolog, sondern ist "eine subjektive Annäherung an letztere." Die Subjektivität ist selbstverständlich; es ist die Annäherung, die die besondere Technik dieses Buches bestimmt. Erzähltes und (teilweise lange später) Geschriebenes wird in Beziehung zu einander gesetzt. Die Wirklichkeitsentwürfe sind es denn auch, und nicht die Wahrheitssuche im faktischen Sinn, die dieses Buch so faszinierend machen, da sie gerade in der fiktionalisierten Darstellung des vielleicht Geschehenen, jedenfalls aber Aufgeschriebenen oder Erzählten, charakteristische Einsichten in eine schwer verständliche Persönlichkeit erlauben.

Albert Drachs wechselvolle Rezeption, von der plötzlichen Entdeckung und dem schnellen Vergessenwerden in bereits fortgeschrittenem Alter in den sechziger Jahren über die Verleihung des Büchner-Preises 1988 bis zu Schobels Biographie anläßlich des hundertsten Geburtstags am 17. Dezember 2002, konzentriert sich immer wieder auf die Erfindung des so genannten Protokollstils. Sein Hauptwerk, Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum, bot der sich schon seit seiner Jugend als Schriftsteller verstehende Drach über Jahrzehnte hinweg immer wieder erfolglos Verlagen an. Die Lektoren konnten mit seiner das Subjektive weitestgehend aussparenden Technik nichts anfangen, insbesondere nicht beim Thema Judenverfolgung, wo Stellungnahme gefragt schien. Wo diese unterblieb bzw. nicht erkennbar war, wurde - trotz Drachs jüdischer Herkunft - manchmal von Antisemitismus gesprochen.

Die kanzleihafte Sprache wurde seit Ende der achtziger Jahre besser verstanden und gewürdigt, u.a. von einem der wichtigsten Drach-Kritiker, André Fischer, der die Ironie als Distanz zum Dargestellten hervorhebt. Durch Schobels Biographie, die Drachs Brotberuf als Rechtsanwalt eingehend darstellt, wird auch der Charakter seiner literarischen Protokolle klarer, die "ohne die Folie seiner juristischen Erfahrungen nicht denkbar wären". Der mäßig erfolgreiche und mit seinem Beruf keineswegs zufriedene Rechtsanwalt, der sich jahrelang auch in eigener Sache mit der Rückgewinnung des verlorenen Familienbesitzes, des Mödlinger "Drach-Hofs", herumschlagen musste, aber auch umfangreiche Erfahrung mit Kleinkriminalität und Bagatellfällen hatte, entwickelte eine private Rechtsphilosophie, die irgendwo zwischen Marx (das Recht benachteiligt immer die, die bei seiner Verfassung nicht dabei waren), Kafka und Foucault angesiedelt ist. Dabei geht es jedoch nicht bloß, und nicht einmal primär, um das Aufzeigen von Ungerechtigkeit im Namen des Rechts oder um amtliche Unmenschlichkeit (das Gegenteil von Gott ist nicht der Teufel, sondern die Behörde): Drach schreibt diese Sprache, weil er in einem viel umfassenderen Sinn davon ausgeht, "daß, was das Leben mit uns tut, vom Amt, das auch Schicksal ist, sorgfältig protokolliert wird. Auf Wahrheit kommt es nicht an." Diese Protokolle verlangen enorme Leseleistung. Zwar erzwingen sie Distanz, den Ort, von dem aus diese erreicht wird, muss jedoch jeder für sich finden.

Schobels Biographie hilft bei der Suche: Der mutige, wenn auch verrückte Besuch bei der Mödlinger Gestapo, um die konfiszierte Schreibmaschine zurückzuverlangen; häufige Internierung in und Freikommen aus französischen Lagern; das Überleben mit Hilfe einer Urkunde, deren Eintragung "IKG" Drach (statt mit: Israelitische Kultusgemeinde) mit viel Chuzpe als "in katholischem Glauben" interpretiert; sein prekäres, von den Institutionen des Rechts manchmal geduldetes, manchmal bedrohtes Versteck in einem französischen Gebirgsdorf - alle diese Ereignisse bilden Kontexte für Interpretationen der scheinbar so unpersönlichen Protokolle.

Dass diese Kontexte aber auch wieder nur Texte sind, macht Schobel etwa durch häufiges Nebeneinanderstellen von Vorortrecherchen (Interviews mit Bekannten und Freunden), aufgezeichneten Gesprächen und Zitaten aus Drachs autobiographischen Texten, etwa Unsentimentale Reise, wo der Autor unter dem Namen "Kucku" eines seiner Protokolle "gegen sich selbst" entwirft, deutlich. Diese differenzierende Collage erlaubt bis zu einem gewissen Maß eine Rekonstruktion der "Autorenintention", der "Identifikationsfähigkeit des Autors mit seinen jeweiligen Figuren", die mit dem "persönlichen Erfahrungshintergrund" korrelieren.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung von Drachs jüdischer Identität. Die Nähe seines Vaters zu deutschnationalem Gedankengut hat er häufig - und scheinbar kritiklos - erwähnt. Gleichzeitig wird er sich bei seinem Großvater in der Bukowina seines Judentums bewusst; ein Besuch eines ostjüdischen Händlers in seinem Mödlinger Haus führt zu einem Epiphanieerlebnis, das im Freidenker Interesse an jüdischen Traditionen erweckt. Als er sich durch Abstreiten seines Judentums vor der Abschiebung nach Deutschland rettet und aus dem Lager Rives Altes frei kommt, plagen ihn angesichts der vielen Todgeweihten Schuldgefühle - bereits früher angelegt durch den Tod der in Österreich gegen ihren Wunsch zurückgelassenen Mutter -, die zur Selbststilisierung als lebendig Toter, als Gespenst, führen.

Eva Schobels Biographie ist also komplex und vielschichtig, was sich stilistisch durch die Mischung von erzählerischer, energiegeladener Intensität mit einer fast durchgängigen Ironie äußert. Kurze, manchmal unvollendete Sätze wirken wie Staccati, die Leser und die Autorin selbst wohl vor der Gefahr warnen, dieses Leben - von Mödling nach Split, Triest, Nizza, ins französische Bergdorf und wieder zurück ins Nachkriegsösterreich - rein linear zu verstehen. Die vielen Brüche in Drachs Leben provozieren die im Untertitel angesprochene Wut des Autors gegen sich selbst und sein österreichisches Jahrhundert, die vermutlich zu seinem kompromisslosen Stil beitrug.

Ob er damit zum "Weisen" wurde oder vielleicht doch zum Rebell, ist fraglich. Die reich illustrierte Biographie ist ein spannendes Buch, das sich abschließender Deutungen enthält und zum Weiterdenken und Entdecken auffordert, statt mit seiner bloßen Existenz die Eingliederung des Autors in den literarischen Kanon zu vollenden und ihn für die Verstaubung freizugeben. Damit hat es Albert Drach den vielleicht größten Dienst erwiesen.

(Von Walter Grünzweig/DER STANDARD, Printausgabe, 28.09.2002)

Eva Schobel, Albert Drach. Ein wütender Weiser. EURO38,90/ 559 Seiten. Residenz Salzburg 2002.

Im Wiener Zsolnay Verlag erschien kürzlich mit "Untersuchung an Mädeln" (EURO 25,60/445 Seiten) der erste Band einer zehnbändigen Drach-Werkausgabe.

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