Die erpresste Annexion

20. Oktober 2003, 12:35
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Der Hitler-Stalin-Pakt gab Estland den Sowjets preis, die deutsche Besetzung zielte auf Kolonialisierung ab. Die Rückkehr der Sowjetmacht hatte Massendeportationen und russische Masseneinwanderungen zur Folge.

Mit der Machtergreifung Hitlers und der forcierten Aufrüstung in Deutschland verdüsterte sich der politische Horizont für das Baltikum. Die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus und die Hitlerische Forderung nach "Lebensraum im Osten" ließen die Sowjetunion eine bewaffnete Auseinandersetzung, womöglich unter wohlwollender Neutralität des kapitalistischen Westens, befürchten. Dabei, so Moskaus Sorge, würden die Randstaaten von Finnland bis Polen als Bündnispartner Deutschlands für dieses eine günstige Ausgangsbasis bilden.

Der Parteisekretär von Leningrad, der (später als Einpeitscher der sowjetischen Kunstpolitik berüchtigte) A. A. Shdanow, ließ die baltischen Staaten aufhorchen, als er 1936 in einer Rede unverhohlene Drohungen gegen die Nachbarn ausstieß. "Die Kleinstaaten", sagte er nach Darstellung der baltischen Presse, "sollten sich in acht nehmen, dass die Sowjetunion nicht das ihnen zugekehrte Fenster (gemeint war damit Leningrad) weit aufmache und mit Hilfe der Roten Armee nachschaue, was drüben los sei". Es war insbesondere der Ausgleich, den Hitler 1934 mit Polens Pilsudski gesucht hatte, der den Kreml beunruhigte und ihn mit größtem Argwohn alle Annäherungen zwischen Polen und den baltischen Staaten beobachten ließ.

Es folgte eine Zeit der diversen Nichtangriffs- und Freundschaftspakte, die, wie sich nach wenigen Jahren herausstellte, nicht das Papier wert waren, auf das sie geschrieben worden waren. Auch die Annäherung zwischen den drei baltischen Staaten und Finnland kam zu spät, wobei Litauens gespanntes Verhältnis zu Polen ein permanentes Hindernis bildete.

Der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin warf alle Spekulationen über einen nahen Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion vorerst über den Haufen. In dem geheimen Zusatzprotokoll gab Hitler die baltischen Staaten dem Zugriff der Sowjetunion preis, wohl schon damals mit dem Hintergedanken, dies zu gegebener Zeit zu revidieren. Dabei hatte gerade Estland, in steter Furcht vor einem sowjetischen Eingreifen, eher auf die deutsche Karte gesetzt, noch 1938 versicherte der estnische Generalstabschef den Deutschen, seine Truppen würden sich einem sowjetischen Durchmarschverlangen mit allen Kräften widersetzen.

Die Preisgabe des Baltikums durch Hitler - den drei Staaten blieben zunächst über das Geheimabkommen uninformiert - wurde sofort nach der Aufteilung des besiegten Polens zwischen Deutschen und Russen offenkundig. Es war Estland, das der Kreml als erstes die neue Machtkonstellation spüren ließ. Das polnische Unterseeboot "Orzel" war in den Hafen von Tallinn geflüchtet; zwar verfügte die estnische Regierung völlig korrekt die Internierung der Mannschaft, doch gelang es dieser, insgeheim auszulaufen und sich bis England durchzuschlagen.

Moskau setzte daraufhin Estland massiv unter Druck: Da Estland nicht imstande sei, die Souveränität über seine Küstengewässer zu wahren, müsse der Schutz des Seeraums von der Sowjetunion übernommen werden. Sowjetische Kriegsschiffe besetzten die estnischen Hoheitsgewässer. Der estnische Außenminister, zu Verhandlungen nach Moskau gereist, wurde mit der Forderung nach Stützpunkten an der estnischen Küste und nach Abschluss eines Militärbündnisses konfrontiert. Man machte ihm klar, dass bei einer Weigerung, dem zuzustimmen, die Forderung gewaltsam durchgesetzt werden würde. Estland musste sich fügen.

Dem folgten erzwungene Militärbündnisse auch mit Lettland und Litauen. Die Vorgänge waren von sowjetischen Versicherungen begleitet, dass die Souveränität der Baltenstaaten voll gewahrt bleiben und von einer beabsichtigten Sowjetisierung keine Rede sein könne.

Der Aufruf der deutschen Regierung, die Baltendeutschen "heim ins Reich" zu führen, wurde von der estnischen Bevölkerung in alter Abneigung gegen die frühere Herrenschicht eher begrüßt denn als Warnsignal empfunden. Rund 21.000 Deutsche verließ verließen Estland. Am 30. November 1939 begann der sowjetische "Winterkrieg" gegen Finnland, nachdem dieses sich geweigert hatte, Verpflichtungen nach dem baltischen Muster einzugehen. Zum großen Leidwesen der Esten erfolgten die Angriffe auf das befreundete Nachbar volk zum Teil von den estnischen Stützpunkten der Roten Armee aus, dennoch wagte die Regierung nicht, entsprechend der Neutralität, zu der sie sich verpflichtet hatte, zu protestieren oder gar Maßnahmen dagegen zu ergreifen.

Im Juni 1940 begann der letzte Akt der Zerstörung der baltischen Unabhängigkeit durch Moskau. Unter dem Vorwand, die drei Staaten hätten ein Militärbündnis geschlossen, wurden, nachdem die Besetzung Litauens bereits begonnen hatte, auch die Regierungen Estlands und Lettlands durch mit acht Stunden befristeten Ultimaten aufgefordert, den Einmarsch sowjetischer Truppen zu akzeptieren. Vergeblich versuchte Präsident Päts, von Deutschland Hilfe zu erhalten. Am 17. Juni begann die Besetzung Estlands durch die Rote Armee. Der Kreml gab Berlin zu verstehen, sein Vorgehen rechtfertige sich durch die Versuche Englands, das Einvernehmen zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu stören.

Mit den Truppen kamen in die drei Staaten "Sonderbeauftragte", in Estland war dies Shdanow. In seinen Unterredungen mit Päts suchte dieser, die Erfüllung der russischen Forderung nach einer sowjetfreundlichen Regierungsumbildung hinauszuzögern. Der Präsident wurde daraufhin in seiner Residenz isoliert, weigerte sich aber mehrere Tage, das des von Shdanow ausgewählten neuen Ministerpräsidenten Johannes Vares präsentierte Kabinett zu akzeptieren. Shdanow inszenierte daraufhin kommunistische Demonstrationen, und Päts gab dem Druck schließlich nach.

Noch nährten die neuen "Volksregierungen" gegenüber der Bevölkerung die Illusion, dass die formale Unabhängigkeit der drei Staaten gewahrt bleibe. Ein neues Wahlrecht, das mit Einheitslisten jede Opposition faktisch ausschloss, brachte die erwünschten Ergebnisse, in Estland allerdings lag es mit nur 92,9 Prozent merkbar niedriger als in den beiden anderen Ländern. Die neue Abgeordnetenkammer deklarierte Estland am 21. Juli zur sozialistischen Sowjetrepublik und bat um die Aufnahme in die Sowjetunion. Die USA und Großbritannien lehnten die Anerkennung der Annexion ab.

Sogleich begannen die Deportationen der bisherigen politischen Eliten; Estland hatte mit rund 60.000 1940/41 Verschleppten darunter am meisten zu leiden. Am 30. Juli 1940 wurde Päts nach Ufa am Ural verbracht, durchlitt lange Aufenthalte in Lagern und starb 1956 in einer psychiatrischen Klinik.

Als die deutsche Wehrmacht 1941 binnen weniger Wochen das Baltikum besetzte, glaubte der letzte Ministerpräsident des freien Estland, Professor Juri Uluots, Berlin zur Anerkennung einer selbständigen Regierung bewegen zu können. Aber Hitlers Ziele waren ganz andere. Estland wurde als Generalkommissariat ein Teil des Reichskommissariats Ostland. Das brutale deutsche Besatzungsregime führte zum Entstehen geheimer nationaler Widerstandsgruppen, die ihre Hoffnungen auf den Westen setzten. Erst als sich das deutsche Kriegsglück wendete, durfte Uluots 1944 als Sprecher eines estnischen "Nationalkomitees" zur Verteidigung der Heimat an der Seite der Wehrmacht aufrufen, und Himmler rekrutierte aus Freiwilligen eine estnische SS-Division. Als die Deutschen am 17. September Estland räumten, ernannte Uluots eine estnische Regierung, zwei Tage später flüchtete er vor der in Tallin einrückenden Roten Armee nach Schweden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 9. 2002)

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    Juri Uluots, der letzte Ministerpräsident des freien Estland

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