Flucht aus Verantwortung

27. September 2002, 19:35
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Flüchtlinge frieren auf den Straßen im achtreichsten Land der Welt - Und wo ist der Minister? - Von Irene Brickner

Missstände, auch humanitäre, verlangen nach Erklärungen. Und so hielt Innenminister Ernst Strasser am Freitag mit den Ursachen der Asylwerbernot, wie er sie sieht, nicht hinter dem Berg. In Österreich, dem Land an der EU-Außengrenze, würden derzeit eben besonders viele Flüchtlinge stranden, führte Strasser aus - während sich die Helfer in den kirchlichen Traiskirchener Auffangstellen angesichts des großen Andrangs Obdachloser nur mit Mühe zu helfen wussten. Für das heurige Jahr, so sagte der Innenminister, sei bei den Asylanträgen ein Zuwachs von 25 Prozent zu erwarten. Da sei doch wohl einsichtig, dass Österreich "nicht alleine die Asylarbeit Europas tragen" könne.

Unterdessen froren afghanische Kinder auf den Straßen von Traiskirchen - in Österreich, dem achtreichsten Land der Welt. Ein Bett für die kommende Nacht war für sie und ihre Eltern oft nur in Pfarren oder ehrenamtlich betriebenen Einrichtungen zu bekommen. Ohne viel Kosten für den Staat, der sich so aus der Verantwortung gestohlen hatte. Samt seinen politischen Verantwortlichen, die problemlos zum politischen Kleingeldkeilen übergehen konnten: Wer - welcher Bürgermeister, welcher Landeshauptmann, welcher Ministerialbeamte - habe denn Schuld an der untragbaren Situation?

Und weit und breit kein Minister, kein Innenressortbeamter, der den eklatanten Handlungsbedarf erkannt hätte. Nämlich die Notwendigkeit, gestrandeten Asylwerbern - und seien sie auch aus wirtschaftlichen statt korrekt politischen Gründen nach Österreich gekommen - auf jedem Fall Unterkunft zu beschaffen: Dieses Minimum an ernst genommener, rechtsstaatlich begründeter Humanität ist im Staate Österreich des Jahres 2002 offenbar kein selbstverständliches Gut.(DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.9.2002)

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