Montagsgespräch: Karriere-Drehscheibe Wien

30. September 2002, 11:34
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Mehr als 120.000 Personen arbeiten in Wiener Niederlassungen ausländischer Konzerne. Die Bundeshauptstadt als Karrierestandort war kürzlich Thema eines Standard-Montagsgesprächs.

Wien - Laut jüngsten Statistiken von Nationalbank und Austrian Business Agency (ABA) betreffen 57 Prozent aller internationalen Direktinvestitionen in Österreich den Standort Wien. "Ist die Bundeshauptstadt ein ideales Karrieresprungbrett in die benachbarten EU-Länder?", eröffnete STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl die Diskussion einer hochkarätigen Expertenrunde.

"Unsere Bildungsstruktur hat in Europa sogar Vorbildcharakter. Wir können eine ausgezeichnete Lehrlingsausbildung, hervorragende Fachhochschschulen, Universitäten und Privatuniversitäten vorweisen", lobte Peter W. Eblinger, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Eblinger & Partner. "Allerdings", so der Headhunter, der vor der Gründung seines eigenen Unternehmens 20 Jahre Erfahrung im Topmanagement der Industrie gesammelt hat, "könnte Österreich mit seiner klein- und mittelständisch strukturierten Wirtschaft jungen karrierebewussten Menschen zu eng werden. Es sei denn in Branchen, die besonders stark mit Österreich assoziiert werden, wie Musik und Tourismus."

"Standortentscheidungen werden oft emotional beeinflusst. Wien gehört wegen der hohen Lebensqualität zu den attraktivsten Städten Europas und seine Bewohner sind sehr gut ausgebildet und kreativ", lobte Georg Pölzl, Vorstandsdirektor von T-Mobile, der zu Beginn seiner Laufbahn als McKinsey-Berater reichlich Auslandserfahrung gesammelt hat.

Sperl: "Gleichen Ideenreichtum und Fantasie so manche Nachteile aus?" Pölzl: "In Deutschland gibt es in nahezu jeder Branche mit mehr als zehn Prozent überproportional viele Österreicher im Topmanagement."

"Wien ist gut positioniert, doch Standortstrategie muss sein, dort, wo man schon gut ist, zu den Weltbesten zu gehören", wandte Werner Lanthaler, CFO des Biotechnologie-Start-ups Intercell AG ein. "Wir exportieren hervorragende Talente." Der Import ebensolcher, etwa aus den USA, China, Japan, aber auch aus den Erweiterungskandidatenländern der EU, ist erschwert einerseits durch den Mangel an Top-Hightech-Arbeitgebern, zum anderen etwa durch die Groteske, dass solche High Potentials einen Zwangsdeutschkurs absolvieren sollten, obgleich die internationale Businesssprache Englisch ist, warnte Harvard-Absolvent Lanthaler vor einer möglichen Negativbilanz im Humankapital.

Wie viel Zeit investieren besonders Erfolgreiche in Arbeit? Eblinger: "Es gibt das schöne Schlagwort von der Work/Life-Balance. Aber kaum schnuppern Kandidaten Karriereluft, tappen sie in die gleiche Falle wie ihre Väter." Pölzl: "60 Stunden find' ich nicht erschütternd. Dafür nehme ich zum Wochenende keine Arbeit mit nach Hause." Sperl: "Sie haben's gut! Ich kann mir nicht aussuchen, ob Herr Haider an einem Samstag wieder einmal seinen Rücktritt ankündigt."

Und wie schafft Dagmar Rabensteiner (39) die Dreifachperformance als Mutter eines Sohnes, Internistin und Österreichs beste Marathonläuferin (Rekordzeit: 2:35:42) in Personalunion? "Das Geheimnis liegt in der großen Begeisterung, die ich für alles, was ich tue, empfinde. Ich war während meiner Ausbildung zur Fachärztin in sehr starren Karrierebahnen", so die einzige weibliche Diskutantin des Abends, "ehe ich mich gefragt habe, ob ich das alles überhaupt will und entgegen aller Richtlinien meinen Emotionen gefolgt bin." (zug/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.09.2002)

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