Der Panda, sein Daumen und mehr

27. September 2002, 19:38
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Im nächsten Frühjahr soll ein Pärchen Große Pandas in den Tiergarten Schönbrunn übersiedeln

"Schwarz-weißer Katzenbärfüßler" heißt der Große Panda wissenschaftlich - das bedeutet sein wissenschaftlicher Name Ailuropoda melanoleuca. Doch der tolpatschige Teddy aus den Bambus- und Rhododendronwäldern des westlichen China vereinigt heute eine Vielzahl von Bedeutungen in sich: Als grafisch-genormte Symbolfigur des WWF steht der Panda für den weltweiten Schutz der Natur und ihrer Geschöpfe; als eines der seltensten großen Säugetiere der Erde (die Gesamtpopulation wird auf rund 1000 Tiere geschätzt) steht der Panda für die Bedrängnis, in der sich ebendiese Natur und ihre Geschöpfe durch den Herrschaftsanspruch des Menschen heute befinden.

Da Pandas so putzig aussehen und so selten sind, stellen sie für Zoos extrem attraktive Publikumsmagneten dar: Für die einen gelten sie deshalb als "Botschafter" für Tier- und Naturschutz; andere kritisieren einen "Panda-Tourismus", der weder dem Einzeltier noch der Arterhaltung nütze, sondern rein kommerziellen Interessen Chinas und der Tiergärten diene. Der erste Panda wurde übrigens 1936 von einer US-Modeschöpferin in den Chikagoer Zoo gebracht, derzeit leben 140 Tiere in menschlicher Obhut, davon nur 15 in westlichen Zoos.

Für die Biologie wiederum stellt der Panda ein hochinteressantes und nach wie vor in mancher Hinsicht rätselhaftes Phänomen dar. Schon seine Stellung innerhalb der Bärenfamilie ist nicht eindeutig: Sein Blutserum und die Tatsache, dass seine Jungen extrem unterentwickelt geboren werden, verbinden ihn mit den Großbären, zu denen Braun- oder Eisbär zählen. Andererseits verbinden ihn Chromosomenähnlichkeiten und Lautäußerungen mit den Kleinbären, was ihn in nähere Verwandtschaft mit Wasch-oder Nasenbär stellen würde.

Gefräßiger Vegetarier, geschickter Greifer

Und ein Paradebeispiel für Evolution ist sein "Daumen". Dieser entspricht nämlich anatomisch keineswegs jenen Strukturen, die bei Säugetieren den innersten Finger an den Vordergliedmaßen ausmachen; er ist vielmehr ein umgebildeter Mittelhandknochen. Mithilfe dieser speziellen Struktur kann der Panda sehr exakt greifen, was es ihm erleichtert, seine Bambusnahrung abzupflücken.

Der Große Panda ist Vegetarier - und ein extremer Nahrungsspezialist. Er ist auf Bambus angewiesen, zwölf bis 15 Kilo benötigt ein erwachsener Bär täglich, und auch das kann ihm zum Verhängnis werden: Bambus stirbt nämlich nach der Blüte, die allerdings nur alle 40 bis 120 Jahre stattfindet, großflächig ab. 1983 verhungerten deshalb mehr als 60 Tiere.

Doch auch ohne Bambusblüte schwindet der Lebensraum des Panda - Abholzung und landwirtschaftliche Nutzung haben die Bambusbären in sechs isolierte Areale abgedrängt, die insgesamt nur noch rund 14.000 Quadratkilometer umfassen - wobei männliche Pandas Reviere von ca. 8,5 Quadratkilometern benötigen, weibliche solche von 4,5 Quadratkilometern.

Trotz des Mangels an Lebensraum bemüht man sich, die Bambusbären zu vermehren: Seit 1955 gibt es Versuche, Pandas zu züchten, doch erst 1963 wurde das erste Junge geboren. Außerhalb von China kamen bislang nur 20 Jungtiere zur Welt, viele davon durch künstliche Befruchtung, denn Pandas zeigen in menschlicher Obhut nur wenig Lust auf Fortpflanzung - und wenn doch, müssen die Jungen häufig wegen Desinteresses der Mutter von Menschenhand aufgezogen werden. Da sind die Erfolge zunehmend besser, etwa durch die Entwicklung einer speziellen Aufzuchtmilch.

Ausgewildert wurde bisher noch kein in menschlicher Obhut geborener Panda, weil die Fortpflanzungsraten einfach zu gering sind. Außerdem spielt bei ihnen das Lernen von den Eltern eine große Rolle, und handaufgezogene Individuen haben oft Probleme bei der Jungenaufzucht und beim Sexualverhalten.

Sein sexuelles Desinteresse hat man dem Bambusbären sogar hochoffiziell zum Vorwurf gemacht: So meinte der Herausgeber der führenden Naturzeitschrift Chinas, der Panda sei vielleicht einfach dekadent und deshalb mit vollem Recht zum Aussterben verurteilt - was sei von einem Raubtier zu erwarten, das zu träge zum Jagen sei?

Vielleicht ist es dem Panda aber auch nur zu laut, zu hell und zu überfüllt in den Zuchtstationen in China und den Tiergärten der Welt. Vielleicht zieht er sich dort aus Selbstschutz aufs Infantile zurück, spielt herzig, schaut putzig aus und amüsiert die Menschen, die auf ihn starren und ihn hinter seiner schwarz-weißen Maske doch nicht erkennen. Und vielleicht träumt er in all dem Trubel um seine Bärenperson vom stillen, kühlen, feuchten Bambuswald mit seinen wispernden Schatten, den einsamenVogelstimmen - und den seltenen, aufregenden Begegnungen mit seinesgleichen.

Leidensgenosse Davidshirsch?

Ob der Panda auch in Zukunft an unserer Seite leben wird, ist noch nicht sicher. Ob er in der freien Natur überlebt, ist noch fraglicher. Doch möglicherweise hat er dasselbe Schicksal wie ein anderes großes Säugetier Chinas: Auch der chinesische Davidshirsch starb schon im zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt in freier Wildbahn aus und konnte nur in den Gärten des Kaisers von China überleben. In einem solchen Garten wurden die kleinen Hirsche 1865 vom französischen Missionar und Naturforscher A. David entdeckt und als eigenständige Art erkannt. Und ebendieser Gottesmann entdeckte 1869 auch den Großen Panda für die westliche Welt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

Im nächsten Frühjahr soll ein Pärchen Große Pandas in den Tiergarten Schönbrunn übersiedeln. Vom Menschen bedroht und gleichzeitig gezüchtet stehen die Symboltiere des WWF für den weltweiten Schutz der Natur.



von Andrea Dee
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